Zwischen Ankommen und „Volksbefreiungskampf“
Die Re-/Integration jugoslawischer Mauthausenüberlebender
von Matthias Schreckeis
Das Ende des Zweiten Weltkrieges stellte den neu gegründeten Staat Jugoslawien vor die Herausforderung eine neue nationale Identität zu kreieren. Diese baute auf dem antifaschistischen „Volksbefreiungskampf“ auf. Der erfolgreiche Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus bildete die einigende Klammer des neuen Staates. Diese heldenhafte Erzählung vereinfachte allerdings die Erinnerung an den Krieg. Gemalt wurde ein schwarz-weißes Bild, zwischen faschistischen Besatzern und heldenhaften Partisan:innen. Die Realität des Krieges war deutlich komplexer. Die heimkehrenden Überlebenden der NS-Lager stellten die jugoslawische, nationale Erzählung auf die Probe.
Im Folgenden wird ein Einblick in die Re-/Integration jugoslawischer KZ-Überlebender in die neue jugoslawische Gesellschaft gegeben. Interviewausschnitte von Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen dienen als Quellenmaterial, um größere Zusammenhänge verständlich zu machen.
Der Krieg in Jugoslawien
Das Königreich Jugoslawien wurde im April 1941 von der Wehrmacht angegriffen und innerhalb weniger Tage militärisch besiegt. Das Territorium des Staates wurde geteilt, Teile gingen an Verbündete des Dritten Reiches, andere Teile wurden scheinbar unabhängig, verwaltet durch einheimische Quisling-Regime. Gleichzeitig entstanden in allen Teilen des südöstlichen Europas Widerstandsgruppierungen. Diese waren in ihrer Programmatik, Größe und ihrem Erfolg heterogen. Der jugoslawische Kriegsschauplatz war chaotisch und unübersichtlich, viele Kräfte waren in den Krieg involviert, teils mit wechselnden Bündnispartnern.1

Unterstützt wurde die deutsche Besatzung in allen Gebieten durch Kollaborations-Regime. Das kroatische Ustaša-Regime richtete den Nezavisna Država Hrvatska (NDH – Unabhängiger Staat Kroatien), einen faschistischen Marionettenstaat, ein. Dort wurde eine – unabhängig von der nationalsozialistischen – eigene Tötungsagenda umgesetzt. Im Fokus der Morde stand hierbei die serbische Bevölkerung. Die Ustaše richteten ein eigenes Todeslager mit zahlreichen Nebenlagern, nach deutschem Vorbild, ein: das Lager Jasenovac. Dieses war das einzige Konzentrations- und Todeslager im Zweiten Weltkrieg, das nicht unter deutscher Kontrolle stand. Hier wurden rund 90.000 Menschen ermordet, vor allem Serb:innen, Jüdinnen:Juden und Roma:Romnija, aber auch andere aus rassistischen und politischen Gründen verfolgte Menschen.
Die Organe der serbischen Regierung unter General Nedić kooperierten ebenfalls mit den NS-Behörden. Das Lager Staro Sajmište befand sich mitten in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Serbische Polizisten organisierten die Deportation und Internierungen. In Belgrad wurde auch ein Gaswagen für die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden eingesetzt.2
Aber auch der Widerstand formierte sich und war ebenfalls in allen Gegenden des südöstlichen Europas vertreten. Getragen wurde der Kampf von heterogenen Gruppen, die sich teilweise auch gegenseitig bekämpften. Die zwei wichtigsten Gruppen waren die Partisan:innenbewegung und die Četniks.
Die verschiedenen Partisanenformationen waren ein heterogenes, antifaschistisches Bündnis. Im Laufe des Krieges konnte die kommunistische Partei Jugoslawiens unter Josip Broz „Tito“ ihren Führungsanspruch durchsetzen. Ihre übernationale Gesinnung ermöglichte es über alle nationalen und sprachlichen Grenzen hinweg eine Massenbasis aufzubauen und Anlaufpunkt für alle Gruppen von Menschen im südöstlichen Europa zu sein.
Die Četniks verstanden sich als königstreu, wollten zwar das (serbisch dominierte) Königreich Jugoslawien wieder errichten, verfolgten aber gleichzeitig auch eine radikal großserbische Agenda, ohne jugoslawischen Anspruch. Sie setzten ihre rassistischen Ideen mittels Waffengewalt um und verübten Massaker an der Zivilbevölkerung. Mit Fortschreiten des Krieges veränderte sich die Perspektive der Četnik-Führung, der Hauptfeind wurde nicht mehr nur in der deutschen Besatzung und deren Verbündeten ausgemacht, sondern zunehmend auch in den kommunistisch geführten Partisan:innen.3
Displaced Persons aus Jugoslawien
Der Zweite Weltkrieg in Europa endete mit dem 8. Mai 1945. Schätzungsweise 30 Millionen displaced persons (DPs) befanden sich mit dem Kriegsende 1945 auf europäischem Boden.4 Displaced persons bezeichnet im Allgemeinen versetzte oder heimatlose Menschen, die durch den Krieg ihr Zuhause verlassen mussten.
Aus Jugoslawien befanden sich am Ende des Kriegeszehntausende Menschen auf dem Gebiet des vormaligen Großdeutschen Reiches. Maria Grünfelder schreibt von etwa 50.000 Menschen, die aus Jugoslawien als Zivil- oder Zwangsarbeiter:innen ins Deutsche Reich gekommen waren, von rund 110.000 Kriegsgefangenen aus Jugoslawien sowie tausenden weiteren zwangsumgesiedelten Menschen. Dazu kam noch die große und nicht exakt bezifferbare Zahl Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrationslager.5
Maria Grünfelder konstatiert eine Forschungslücke in der historischen Forschung der jugoslawischen Nachfolgestaaten zu den nach Hause rückkehrenden jugoslawischen DPs. Als Grund macht sie die Fokussierung der jugoslawischen Historiographie auf den „Volksbefreiungskampf“ aus.6
Die Haltung des neuen jugoslawischen Staates zu den jüdischen Überlebenden war von Ambivalenzen geprägt. Jüdinnen:Juden wurde in der neuen Verfassung von 1946 der Status einer „Volksgruppe“ zuerkannt. 1948 wurde das Judentum als Religionsgemeinschaft definiert. Allerdings hielt der Staat die Dachorganisation der jüdischen Kultusgemeinden unter enger Kontrolle.7 Obwohl ca. 80% der jugoslawischen Jüdinnen:Juden ermordet worden war, fristete die Shoah ein marginalisiertes Dasein in der historischen Forschung. Der Fokus lag auf der Aufklärung und Ahndung von Kriegsverbrechen und anderen Gräueln.8
Bei den jahrelang im Untergrund lebenden Partisan:innen gab es viel Unwissen und Unklarheit darüber, was außerhalb des eigenen Wirkungsbereiches während des Krieges geschehen war. Diese Unsicherheit wurde mittels Misstrauen zum Ausdruck gebracht. Rückkehrende kamen teilweise vor Gericht, Vorwürfe waren „Kollaboration“ oder „Verrat“. Informationen über die heterogenen und komplexen (Über-)Lebens- und (Zwangs-)Arbeitsverhältnisse waren nur eingeschränkt verfügbar und stammten in der Regel von selbst Betroffenen, was wiederum dem Vertrauen nicht zuträglich war.9
Die außenpolitische Lage verschärfte das Misstrauen nochmal. Neben den Grenzstreitigkeiten kam 1948 auch noch der Bruch mit Stalin und der Sowjetunion dazu. Die bereits 1947 startenden „Säuberungen“ der KPJ intensivierten sich, „Feinde“ wurden nun auch im Inneren gesucht.10 Die aus dem Feindesland zurückkehrenden Überlebenden hatten einen schweren Stand, es gab keinen Raum ihre komplexen Geschichten zu erzählen und Anerkennung für das erlittene Unheil zu erhalten.
Die neue Regierung der Föderativen Republik Jugoslawien wurde auf der Konferenz von Jalta als Mitglied der Alliierten anerkannt und verpflichtete sich dadurch auch zur Repatriierung der „eigenen“ Displaced Persons. Am 23. August 1945 wurde ein Gesetz erlassen, das den Entzug der Staatsbürgerschaft bei Verweigerung der Repatriierung vorsah, für die bis dahin nicht geschehene Repatriierung wurde eine Übergangsfrist von zwei Monaten gewährt. Jugoslawische Arbeiter:innen im Deutschen Reich wurden also massiv unter Druck gesetzt. Einerseits mussten sie befürchten bei der Rückkehr wegen Kollaboration angeklagt zu werden, gleichzeitig würde eine Verweigerung der Rückkehr wohl als Schuldeingeständnis gewertet werden.11 Berufungs- und Einstellungsanträge wurden in der Regel abgelehnt:
„Die [Parlamentskommission für Petitionen und Berufungen des Parlamentes] lehnte Ersuchen um Vermittlung zur Einstellung solcher Verfahren mit der Begründung ab, Arbeit im Dienste der Besatzer sei eben Kollaboration und damit strafbar.“12
Der Abschluss aller Repatriierungen war ursprünglich bis Jahresende 1947 vorgesehen, wurde dann aber um ein weiteres Jahr verlängert. „Nachzügler“ sollten, so angekündigt, dann einer Untersuchung unterzogen werden, um „eingeschleuste feindliche Elemente“ aufzuspüren.13
Jugoslawische Beamt:innen wurden im Rahmen von Militärmissionen entsandt, um die Menschen vor Ort bei der Abreise zu unterstützen. An Grenzbahnhöfen zu Österreich, Ungarn und Italien wurden Erstaufnahmezentren eingerichtet. Die Ankommenden wurden rasch weitergeleitet. Einige wurden direkt zur Armee oder zum Arbeitseinsatz geschickt, andere durften nach Hause oder wurden dem Versorgungsamt überstellt. Thomas Porena vermutet, dass die Gründe für die Zuordnung einerseits die körperliche Verfassung, andererseits politische Zuverlässigkeit sowie nationale Zugehörigkeit war.14
Grünfelder führt aus, dass die Erstaufahmezentren offiziell den Sozialministerien der Teilrepubliken unterstanden, dass allerdings das Personal für die Aufnahmeformalitäten und die Befragung der Ankommenden durch den militärischen Nachrichtendienst durchgeführt wurde. Die Fragen bezogen sich auf Gründe und Dauer des Auslandsaufenthaltes, politische Kontakte und zu den Angehörigen in Jugoslawien. Ziel war es vermeintliche „Staatsfeinde“ aufzuspüren. Die Angaben wurden polizeilich überprüft, was einen mehrtägigen Aufenthalt im Lager bedeutete. Nach Abschluss der Untersuchungen hatten die Beamten zu entscheiden, ob eine Entlassung oder eine Verlängerung des Aufenthaltes im Lager zur weiteren Überprüfung angebracht sei.15
Diese Sorge vor ideologischen Gegnern war auch nicht ganz unbegründet. Noch Jahre nach dem Krieg operierten antikommunistische Guerilla-Verbände in jugoslawischen Waldgebieten. Die Lage war auch aufgrund der deutschen Minderheit in Jugoslawien, der sogenannten „Donauschwaben“ oder „Jugoslawien-Deutschen“ unübersichtlich, die von der kommunistischen Führung kollektiv als Täter behandelt, interniert und vertrieben wurden.16
Trauma, Verarbeitung und Misstrauen nach Mauthausen
Die ersten Inhaftierten aus jugoslawischem Territorium kamen im Oktober 1940 nach Mauthausen. Sie waren als Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg gewesen. Insgesamt waren etwa 8.650 Personen aus jugoslawischem Territorium im Mauthausen-System interniert.17 Davon starben 3.728 im Mauthausen-System.18 Miodrag Milić schreibt, dass sich 2.458 Jugoslaw:innen bei der Befreiung am 5. Mai 1945 im Mauthausen-Lagerkomplex befanden.19 Diese Zahlen sind freilich mit Vorsicht zu bewerten. Im NS-System im Allgemeinen und damit auch im Lager Mauthausen wurden Häftlinge häufig unterschiedlichen Häftlingskategorien zugeordnet. So wurden Menschen aus dem Gebiet Jugoslawiens scheinbar wahllos teilweise als „Kroaten“, „Slowenen“, „Serben“, aber auch als „Italiener“ eingestuft. Jüdische Internierte wurden als „Juden“ kategorisiert. Dies macht exakte Zahlen schwierig.20
Die Überlebenden Mauthausens und anderer Lager standen vor großen Herausforderungen nach ihrer Rückkehr. Der gedenkpolitische Fokus in Jugoslawien lag auf der widerständigen Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Der „Volksbefreiungskampf“, als kollektive Anstrengung aller staatstragenden Nationen Jugoslawiens, war zentraler Fixpunkt der jugoslawischen Erinnerungslandschaft. Überlebende der Konzentrationslager waren in diesem Zusammenhang, wie auch in anderen europäischen Ländern, nicht „funktional“, wie es die Historikerin Heike Karge beschreibt.21 Zwar wurden Holocaust und Shoah nicht geleugnet, hatten neben der Erinnerung an den Partisan:innenwiderstand allerdings keinen Platz. Überlebenden von Konzentrationslagern wurde zugehört, allerdings mehr als Zeug:innen in einem Gerichtsprozess, denn als Zeitzeug:innen. Ihr Trauma und ihr Leid war niemals Fokus öffentlicher Auseinandersetzung. Das bedeutet aber keineswegs, dass es nicht das Bedürfnis nach kollektiven Ausdrucksformen von Gedenken und Trauer gab. Lokale und dezentrale Gruppen entstanden durchaus, häufig entstanden und zusammengehalten durch die geteilten Erfahrungen in den NS-Lagern.22

Mauthausen Memorial / Ralf Lechner.
Die fehlenden Gesprächsangebote, die mangelnden Möglichkeiten zur kollektiven, emotionalen Verarbeitung der Erlebnisse zeigt sich auch im folgenden Interviewabschnitt von Ljubomir Zečević. Ljubomir Zečević (im Interview LJZ) schloss sich bereits als Schüler der kommunistischen Jugend Jugoslawiens an und war nach der deutschen Invasion im Widerstand aktiv. Als 17 Jähriger wurde er in das Lager Banjica verschleppt und im November 1943 nach Mauthausen überstellt, wo er zunächst im Außenlager Redl-Zipf und dann in Ebensee Zwangsarbeit verrichten musste, unter anderem als Kommandoschreiber. Nach der Befreiung studierte er Politikwissenschaft und arbeitete beim Jugoslawischen Rundfunk und wurde Direktor von Radio Television Beograd. Jahrelang war er Vorsitzender der Vereinigung der ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen in Serbien und vertrat Serbien beim internationalen Häftlingskomittee. 2017 verstarb er in Beograd. Das Interview wurde 2003 im Rahmen des Mauthausen Survivors Documentation Project in Belgrad von Predrag Marković (im Interview PM) geführt:23
„PM: Das heißt, eh, und, äh, hatten sie Traumata vom Lager?
LJZ: Nein.
PM: Haben Sie vom Lager geträumt?
LJZ: Nein. Am Anfang ein bisschen, aber sp[äter] nicht.
PM: Und mit wem haben sie darüber gesprochen, über diese Erfahrung?
LJZ: Nun, am meisten wird unter den Lagerhäftlingen selbst gesprochen. Am ersten Tag, als ich zurückgekommen bin, habe ich die Geschichte, eh, meinem Bruder [und, Erg. d. Übers.] meiner Schwägerin erzählt, ein zweites Mal habe ich sie meinem Vater und meinem Bruder [erzählt, Erg. d. Übers.], der, eh, eh, eh, aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen ist [sic], meinen engsten Schulfreunden, ich [habe, Erg. d. Übers.] ein paar Vorträge gehalten bei Vortragsabenden für Jugendliche, pff, in Vračar. Und das war alles.“24
In den ersten Antworten dieses Auszugs stellt sich Ljubomir Zečević als resilienter Mensch dar. Er leugnet, Traumata mitgenommen zu haben und meint, die meiste Zeit keine Lagerträume gehabt zu haben. Selbstverständlich lässt sich dies nicht überprüfen. Es scheint aber wenig plausibel zu sein, da Überlebende der nationalsozialistischen Verbrechen in der Regel äußerst massive psychische Verletzungen mitgenommen haben, was im Angesicht des Ausmaßes des Grauens nicht verwunderlich ist. Es liegt nahe, dass diese Selbstdarstellung einerseits mit Vorstellungen von „männlicher Stärke“ zusammenhängen, andererseits könnte es auch mit bereits skizzierten Diskursen zu tun haben, die wenig Raum für die subjektive Erlebnisebene ließen.
Hr. Zečević beschreibt, dass er sich keineswegs in Schweigen geflüchtet habe. Er erzählte von seinen Erlebnissen anderen Betroffenen, seinen engsten Angehörigen sowie bei ein „paar Vortragsabenden für Jugendliche“. Diese waren wohl von der Kommunistischen Partei organisiert und als Bildungsveranstaltungen für Jugendliche, die den Krieg nicht mehr selbst erlebt hatten, konzipiert. Was Ljubomir Zečević nicht erwähnt, sind Gerichtsprozesse oder Interviews, die auf eine größere Öffentlichkeit abzielten – bspw. für Radio, Zeitung oder Fernsehen. Dies kann ebenfalls exemplarisch stehen für die ambivalente Haltung des jugoslawischen Staates zu den nationalsozialistischen Verbrechen. Der Zweite Weltkrieg an sich nahm eine außerordentlich wichtige Stellung im jugoslawischen Selbstverständnis ein. Der Partisanenkampf des Zweiten Weltkrieges, der „Volksbefreiungskampf“, war, wie bereits umrissen, Klammer für eine geteilte nationale Identität. Die Verbrechen der Nationalsozialist:innen wurden thematisiert, allerdings nicht aus der Perspektive der Opfer, sondern eben aus der Perspektive des Widerstandes.
Im folgenden Ausschnitt zeigt sich das beschriebene Misstrauen, mit dem vielen Überlebenden begegnet wurde.
PM: Und nach dem Krieg, als Sie nach Hause gekommen sind, haben, haben Sie Unverständnis gespürt oder waren Sie, eh, w-, wie war Ihr Verhältnis zur einheimischen Umwelt? Sind Sie so empfangen worden, wie Sie es erwartet haben, oder?
LJZ: Nein, bin ich nicht, bin ich nicht. Ein paar Leute haben mich denunziert — dass ich dort also so quasi ein gewisser Schreiber war, ein gewisser Stellvertreter des Blockschreibers. Und zwar genau die Leute, denen ich geholfen habe, zu überleben. Und ich hatte einige Unannehmlichkeiten, aber die wurden schnell ausgeräumt.25
Der Interviewer Predrag Marković fragt in dieser Frage sehr explizit nach der gesellschaftlichen Stimmung gegenüber den aus den Lagern zurückkommenden. Hier zeigt sich ansatzweise, was bereits umschrieben wurde: Heimkehrende waren schnell verdächtig. Ljubomir Zečević wurde als Kollaborateur denunziert. Verständnis für die Funktionsweise der nationalsozialistischen Lager und der Ausbeutung der Internierten gab es nicht. Ob und warum er denunziert wurde, lässt sich aus den zur Verfügung stehenden Quellen nicht eruieren. Als Urheber des Verdachtes macht Ljubomir Zečević andere Überlebende aus. Porena schreibt, dass 1953 auf Auftrag des Partei-Zentralkomitees für jedes deutsche Lager ein eigener Untersuchungsbericht erstellt wurde. Der Parteilinie folgend, war ein Ziel dieser Berichte, die Funktionshäftlinge kritisch zu beleuchten. Der Mauthausen-Bericht konstatiert hierzu:
„Im allerschlimmsten Lager des III. Reiches konnten nur diejenigen Häftlinge eine Funktion übernehmen, die bereit waren, Menschen zu schlagen.“26
Diese pauschale Verurteilung zeugt von mangelndem Verständnis für die Komplexität des nationalsozialistischen Gewaltsystems. Vorgeworfen wurde auch die vermeintliche fehlende Widerständigkeit der Häftlinge. Dem steht Ljubomir Zečevićs Erzählung entgegen. Sie zeigt auch die Konkurrenz zwischen den Häftlingen auf.
Verortung des Gedenkens
Gedenken und Sprechen über den Nationalsozialismus in Jugoslawien, wie in anderen Ländern und Kontexten, beinhaltete auch das Aussparen vieler Aspekte. Dem Todeslager Jasenovac kommt innerhalb der jugoslawischen Auseinandersetzung um den Holocaust eine herausragende Rolle zu. Wie die Historikerin Heike Karge ausführt, stand es nach 1945 stellvertretend für alle anderen Lager, dorthin wurden alle gedenkpolitischen Anstrenungen gebündelt. Andere Konzentrationslager wurden in der Auseinandersetzung marginalisiert, eine Tendenz die keineswegs Jugoslawienspezifisch war, sondern sich in gesamteuropäische Dynamiken einreiht.27

United States Holocaust Memorial Museum Collection, courtesy of the Jeff and Toby Herr Foundation, 2007.504.1.45.
Diese Ausparungen stießen bei Überlebenden auf Ablehnung und Unverständnis. Dies zeigt sich im folgenden Interviewausschnitt. Nadežda Stanisavljević wurde 1927 in Serbien, Jugoslawien geboren. Sie war Mitglied der Kommunistischen Jugend und im Widerstand aktiv. 1943 wurde sie ins Lager Niš gebracht. Im selben Jahr kam sie nach Österreich, und musste als Kinderfrau Zwangsarbeit leisten. Wegen einer Tuberkuloseerkrankung wurde sie
in verschiedene Lager eingewiesen: Dachau, Auschwitz, Ravensbrück, wo an ihre „medizinische“ Versuche vollführt wurden und schließlich Mauthausen, wo sie befreit wurde. Das Interview wurde 2008 geführt und ist als Video auf der Seite des US Holocaust Memorial Museums in serbischer Sprache verfügbar.
Nathan Beyrak (NB): Sie haben mir gesagt, dass ich Ihnen unbedingt die Gelegenheit geben soll, zu schildern, wie man sich gegenüber den Häftlingen verhalten hat.
NSt: Das möchte ich betonen: Wenn es um das Konzentrationslager Niš geht, sollte man es zuerst „Konzentrationslager Niš“ nennen und nicht „Lager am Roten Kreuz“, wie Sie uns zuvor gesagt haben. – „Es befindet sich am Roten Kreuz“, – […]
NB: Das haben Sie uns gesagt.
NSt: – Konzentrationslager Niš – ich will sagen, dass es nach demselben Prinzip aufgebaut war wie alle anderen Lager. Es hatte nur kein Krematorium, dafür aber ein Hinrichtungsgelände, die „Trommel“ [„bubanj“]. […] Ich möchte noch etwas sagen: Das gleiche Prinzip herrschte auch in Dachau, in Auschwitz und überall sonst. Auch hier gilt das. Deshalb muss dieses Lager in dieselbe Kategorie eingestuft werden.28
Frau Stanisavljević schildert hier offensichtlich ein ihr besonders wichtiges Anliegen. Dies zeigt sich bereits im Eingangsatz. Der Interviewer Nathan Beyrak legt offen, dass sie bereits zuvor den Wunsch geäußert hatte, dieses Thema zu besprechen. Ihre Ausführungen betreffen die Funktionsweise des Lagers in Niš. Sie betont, dass dieses Lager den gleichen Prinzipien folgte wie größere und bekanntere Lager. Scheinbar ist sie unzufrieden mit der Repräsentation des Lagers in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert ist, dass der Interviewer sie gerade bei diesem Thema mehrfach unterbricht und sie scheinbar zur nächsten Frage weiterführen will. Sie beharrt aber auf ihrem Punkt und macht noch einmal deutlich, dass ihr das Thema wichtig ist. Dies verdeutlicht die gedenkkulturelle Konkurrenz in Jugoslawien. Gedenken an die Lager begann erst viele Jahre nach Ende des Krieges und fokussierte sich auf einzelne Orte. Kleinere Lager im In- und Ausland, bzw. Lager mit verhältnismäßig geringen Zahlen jugoslawischer Insass:innen, wurden marginalisiert. Die Verfolgungsgeschichte wurde dabei auch deutlich vereinfacht. So wurden in der Regel Ustascha-Verbrechen und nationalsozialistische gleichgesetzt. Diese Externalisierung der (Haupt-)Verantwortung ist im Kontext der jugoslawischen Bemühungen um „Brüderlichkeit und Einigkeit“ (so die sozialistische Staatsparole) zu betrachten. Überlebende mussten um ihre Anerkennung als Opfer und um einen Platz in der offiziellen Gedenkkultur kämpfen. Dies betraf auch Mauthausen als in Jugoslawien weniger bekannter Ort des Holocaustes.

Foto: Matthias Schreckeis, Mai 2026.
Resumée
Die Re-/Integration der jugoslawischen Überlebenden nach der Befreiung stieß auf umfassende Probleme. Die jugoslawische Gesellschaft war erst im Entstehen begriffen inmitten eines kriegsversehrten Landes. An den Erfahrungen und Erinnerungen der zurückkehrenden Überlebenden der Konzentrationslager lassen sich gesamtgesellschaftliche Verwerfungen und Debatten untersuchen. Dabei lässt sich zeigen, dass Jugoslawien einerseits vor großen außenpolitischen Problemen stand. So wurde den Überlebenden zunächst mit Skepsis begegnet, groß war die Angst vor feindlicher Infiltration, gering das Verständnis und die Empathie für die erlittenen Schrecken der NS-Lager. Die Erzählung des „Volksbefreiungskampfes“ hatte außerordentliche Bedeutung für Jugoslawien. Mangels eines lange zurückreichenden, nationalen Gemeinschaftsgefühles, das im Stande gewesen wäre, die ungelösten, entlang ethnischer Bruchlinien verlaufenden, Konflikte des ersten Jugoslawiens aufzulösen, sollte der „Volksbefreiungskampf“ als einigende Klammer fungieren. Diese Fokussierung auf den Widerstand, führte dazu, dass Überlebende der Lager, aufgrund ihrer vermeintlichen „Widerstandslosigkeit“ oder gar „Kollaboration“, wenig Beachtung in der öffentlichen Auseinandersetzung erfuhren.
Die Bedeutung des Zweiten Weltkrieges für den Raum des ehemaligen Jugoslawiens bleibt hochrelevant. Immer noch finden politische Kämpfe an Bruchlinien statt, die im Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden. Die mangelhafte Aufarbeitung und nicht nachhaltig differenzierte, gedenkkulturelle Verankerung in der jugoslawischen Gesellschaft schuf die Möglichkeit für nationalistische Vereinnahmung der Geschehnisse für die jugoslawischen Zerfallskriege der 1990er Jahre sowie für die immer noch bestehenden nationalen Konfliktlinien.
Abbildungen
Abbildung 1: Gemeinfrei. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Axis_occupation_of_Yugoslavia_1943-44.png?uselang=de#Lizenz [Zugriff 10.9.2026].
Abbildung 2: Mauthausen Memorial, Foto: Ralf Lechner. URL: Orbituary for Ljubomir Zečević – News – KZ-Gedenkstätte Mauthausen [Zugriff 10.9.2026].
Abbildung 3: Screenshot [10.6.2026] vom Interview mit Nadežda Stanisavljević aus dem Archiv des USHHM. URL:https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn45392 [Zugriff 10.9.2026].
Quellen
Stanisavljević, Nadežda. USHMM, Accession Number: 2007.504.1.45 | RG Number: RG-50.585.0045. Unter: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn45392 [letzter Abruf: 23.2.2026]. Transkribiert und übersetzt durch Matthias Schreckeis.
Zečević, Ljubomir. Archiv Mauthausen Memorial, AMM OH/ZP1/687. Zemun, 31. Jänner 2003. Übersetzt durch/am: Dr. Barbara N. Wiesinger, Mai/Juni 2009.
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- Vgl. Calic, Südosteuropa, 494–500. ↩︎
- Vgl. Byford, „The Political Instrumentalization of a Site of the Holocaust“, 95–96. ↩︎
- Vgl. Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011, 50–53. ↩︎
- Dinnerstein, Leonard: America and the Survivors of the Holocaust, Columbia University Press 1982, 273. Zit. n. Litta, „Jüdische Displaced Persons als ‚Schicksals‘-, ‚Übergangs‘- und ‚Erinnerungsgemeinschaft‘. Varianz und Funktion von Geschichtsrepräsentationen bei jüdischen DPs in der amerikanischen Besatzungszone Österreichs von 1945 – 1948 im Kontext jüdischer Kulturgeschichte.“, 27. ↩︎
- Vgl. Grünfelder, „‚Displaced Persons‘ Aus Jugoslawien. Repatriierung Und Reintegration Seit 1945“, 73. ↩︎
- Grünfelder, „‚Displaced Persons‘ Aus Jugoslawien. Repatriierung Und Reintegration Seit 1945“, 77. ↩︎
- Vgl. Grünfelder, „‚Displaced Persons‘ Aus Jugoslawien. Repatriierung Und Reintegration Seit 1945“, 103–4. ↩︎
- Vgl. Vulesica, „Holocaust Research in Croatia, Bosnia and Herzegovina, and Serbia. An Inventory“, 263. ↩︎
- Vgl. Grünfelder, „‚Displaced Persons‘ Aus Jugoslawien. Repatriierung Und Reintegration Seit 1945“, 77. ↩︎
- Vgl. ebda. ↩︎
- Vgl. ebda. 80. ↩︎
- Ebda. 81. ↩︎
- Vgl. ebda. 82. ↩︎
- Vgl. Porena, Displaced and reframed, 168–69. ↩︎
- Vgl. ebda. 82–83. ↩︎
- Vgl. ebda. 90. ↩︎
- Vgl. Grahek Ravančić und Karakaš Obradov, „The Mauthausen Memorial Centre’s List of Mauthausen Camp Victims from Yugoslav Territory. The Possibility of Ascertaining the Names and Number of Victims from Croatia’s Territory.“, 143. ↩︎
- Vgl. ebd. 145. ↩︎
- Vgl. Milić, Jugosloveni u koncentracionom logoru Mauthauzen, 285–86. ↩︎
- Vgl. Grahek Ravančić und Karakaš Obradov, „The Mauthausen Memorial Centre’s List of Mauthausen Camp Victims from Yugoslav Territory. The Possibility of Ascertaining the Names and Number of Victims from Croatia’s Territory.“, 143–44. ↩︎
- Karge, „Mediated Remembrance“, 55. ↩︎
- Vgl. Karge, „Mediated Remembrance“, 57. ↩︎
- Lechner, Ralf. Nachruf auf Ljubomir Zečević. 15.5.2027, unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Aktuell/Nachruf-auf-Ljubomir-Zecevic [letzter Abruf 23.2.2026]. ↩︎
- Videointerview mit Ljubomir Zečević, Archiv Mauthausen Memorial, AMM OH/ZP1/687. Zemun, 31. Jänner 2003. Übersetzt durch/am: Dr. Barbara N. Wiesinger, Mai/Juni 2009. S. 80-81. ↩︎
- Ebda. ↩︎
- Izveštaj o životu i radu jugoslovenskih zarobljenika u logoru u Mauthausenu 1941-1945 [Bericht über das Leben und die Tätigkeit der jugoslawischen Gefangenen im Lager in Mauthausen 1941-1945], in Arhiv Jugoslavije, 507/VII, kut. 13/14, 1953. Zit. n. Porena, Displaced and reframed, 259.) ↩︎
- Vgl. Karge, „Sajmiste, Jasenovac, and the Social Frames of Remembering and Forgetting“, 107–8. ↩︎
- „NB: Rekli ste mi da vam obavezno dajem priliku da kažete kako su se prema logorašima odnosili. NSt: Ovo želim da naglasim: kada je u pitanju Niški logor, treba ga nazivati „Niški logor“ prvo, a ne „logor na Crvenom krstu“, kako ste nam ranije rekli. […] – „To se nalazi na Crvenom krstu“ – NB: rekli ste nam. NSt: […] – Niški logor – hoću da kažem da je on bio formiran po istom principu kao i svi drugi logori. Samo što nije imao krematorijum, ali je imao stratište „bubanj“. […] Drugo, da vam kažem: isti princip je vladao i u Dachau‑u, i u Aušvicu, i svuda. Tako i ovde. Zato mora taj logor da bude svrstan u istu kategoriju.“ Videointerview mit Nadežda Stanisavljević, USHMM, Accession Number: 2007.504.1.45 | RG Number: RG-50.585.0045. Unter: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn45392 [letzter Abruf: 23.2.2026]. Transkribiert und übersetzt durch den Verfasser der vorliegenden Arbeit. Hier Part 3, 00:30:28-00:32:05. ↩︎
