NorwegerInnen in Mauthausen. Erlebnisse und Erinnerungen, Alina Maria Lutz

NorwegerInnen in Mauthausen. Erlebnisse und Erinnerungen

von Alina Maria Lutz

Norwegische jüdische Häftlinge mit norwegischer Flagge im befreiten KZ Buchenwald.
Jewish museum Trondheim/ Joseph Mendelsohn.

Im Laufe des Zweiten Weltkriegs passierten rund 130 norwegische Häftlinge das Konzentrationslager Mauthausen. Der größte KZ-Komplex Österreichs war zumeist ihre letzte Station – für etliche war es der Ort ihrer Befreiung, überdurchschnittlich viele Norweger verloren jedoch in der ehemaligen „Ostmark“ ihr Leben. Gleichwohl spielt das KZ Mauthausen keine große Rolle in der norwegischen Erinnerungskultur. Der folgende Beitrag beleuchtet einige individuelle Wege und Schicksale der Gefangenen und versucht die Erinnerung an sie im kollektiven Gedächtnis Norwegens einzuordnen.

„Graue Kolonnen auf Wanderschaft bei jedem Wetter, klappernd in der Sonnenhitze durch fremde Städte, fröstelnd im kalten Regen entlang schlammiger Radspuren, Tag aus, Tag ein, Woche um Woche.

Namenlose Männer auf dem Weg zum Sterben.

Doch die Gasöfen wollen uns nicht, wollen uns nicht… Gross-Rosen, Mauthausen, Ober-Elbe, Dora – das klingt wie das Herunterleiern in einer Deutschstunde, sagen jene, die auf dem Gymnasium waren. Moderner Sprachunterricht: Der Tod in Gross-Rosen, der Tod in Mauthausen, der Tod in Ober-Elbe, der Tod in Dora…“1

Dieses zutiefst bedrückende Zitat stammt von einem der rund 130 ehemaligen norwegischen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen. Es steht symptomatisch für viele geteilte Erfahrungen, welche die NorwegerInnen auf ihrem Weg durch Gefängnisse in ihrer Heimat und später das deutsche KZ-System machten. 130 Individuen, eine fast verschwindend kleine Kohorte, betrachtet vor dem Hintergrund von 44.000 norwegischen Männern und Frauen, welche über fünf Jahre hinweg durch das nationalsozialistische Regime verfolgt und eingesperrt wurden. Insbesondere auf Grund der äußerst kleinen Anzahl norwegischer – wie auch anderer skandinavischer – Gefangener in Mauthausen, war ihr Schicksal bisher kaum im Fokus historischer Studien.

Der vorliegende Beitrag basiert hauptsächlich auf der zentralen norwegischen Häftlingsdatenbank „Norsk digitalt fangearkiv“2, welche nicht nur einen sehr dankbaren Überblick über die Häftlinge in den norwegischen und nationalsozialistischen Hafteinrichtungen während der Besatzungszeit von 1940 bis 1945 gibt, sondern auch als erste Anlaufstelle für jeweilig relevante Quellen dienen kann. Dabei lassen sich insbesondere die Häftlingsregister der norwegischen Einrichtungen „Møllergata 19“ sowie des größten Konzentrationslagers auf norwegischem Boden, Grini, bei Oslo, finden. Diese enthalten, neben den (vorgegebenen) Haftgründen, auch Informationen zu Familienstand, Wohnort und Beruf der Gefangenen. Eine andere interessante Quelle stellen des Weiteren die Fragebögen für ehemalige Gefangene, herausgegeben durch die norwegische Polizei im Anschluss an die deutsche Niederlage. Hier lassen sich unmittelbare Einschätzungen der gerade Befreiten insbesondere zur Hafterfahrung finden. Da die Datenbank mitunter auch durch persönliche Erfahrungsberichte der ehemaligen Häftlinge oder ihrer Familien ergänzt wurde, können, darüber hinaus interessante Einblicke in das Erleben und Reflektieren der betreffenden NorwegerInnen gewonnen werden.

Nach einer kurzen militärischen Kampagne durch die deutsche Wehrmacht ab April 1940, markierte die Flucht der norwegischen Regierung sowie der Königsfamilie nach Großbritannien im Juni 1940 das vorläufige Ende des Krieges um Norwegen.3 Während Dänemark sich zu den deutschen Konditionen frühzeitig ergeben hatte und somit die eigenen politischen Organe – wenngleich diese in direkter Abhängigkeit von den deutschen Behörden verblieben – aufrechterhalten konnte, musste das politische Vakuum in Norwegen neu gefüllt werden. Das Momentum nutzend, welches durch Kriegsmüdigkeit und Kooperationsbereitschaft seitens der norwegischen Bevölkerung gekennzeichnet war, wird ab Mitte April 1940 ein „Administrasjonsråd“ eingesetzt, welcher vorerst für die Verwaltung der sich ausdehnenden besetzten Gebiete verantwortlich ist.4 In der Folge formierte sich ab 1942 eine Regierung unter Vidkun Quisling – der Begriff „Quislinge“ wurde nach 1945 zum Synonym für Kollaborateure. Die Passivität und initiale Akzeptanz der Besatzung durch weite Teile der NorwegerInnen bleibt, wie in Ole Kristian Grimnes Arbeit konstatiert, in der norwegischen kollektiven Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkriegs zumeist vergessen, ist diese Haltung doch nur schwer mit einem gesamtgesellschaftlichen Widerstandsnarrativ zu vereinbaren.5

Die Dominanz dieser identitätsstiftenden Erzählung des kollektiven Widerstands, prägte auch die Erinnerung an norwegische KZ-Gefangene. Lange Zeit war hier der Fokus auf die der Haft vorausgehenden Widerstandshandlungen und kaum auf der Zeit der Gefangenschaft.6 Gleichzeitig gingen Haftgründe abseits von aktivem Widerstand sowohl im Gedenken als auch in Historiografie unter – insbesondere ist hier das Schicksal der norwegischen Juden zu nennen.7 Auch die NorwegerInnen, welche im Laufe der Zeit nach Mauthausen kamen, sind durch unterschiedlichste Schicksale und Deportationswege gekennzeichnet. Während die sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Häftlinge (NN) zahlreich und dominant in dieser Gruppe vertreten sind, passierten beispielsweise nur knapp 60 Prozent der NorwegerInnen in Mauthausen das sogenannte „NN-Lager“ Natzweiler-Struthof.8 Der sogenannte „Nacht-und-Nebel“-Erlass sollte ab Ende 1941 der Abschreckung der heimischen Bevölkerungen in den besetzten Ländern dienen und Widerstand vorbeugen. Verhaftungen sollten ohne das Wissen der Angehörigen bei „Nacht und Nebel“ geschehen und Heimatkontakt aus den Lagern wurde entsprechend verboten. Grundsätzlich ergibt sich innerhalb der norwegischen Gefangenen ein interessanter Widerspruch in Bezug auf ihren Status, waren sie doch einerseits oftmals unter dem „NN-Erlass“ verhaftet worden und dementsprechend aufs Härteste zu behandeln, während sie andererseits auf Grund ihrer – aus Sicht der nationalsozialistischen Ideologie – als „arisch“ angesehenen Herkunft oftmals mit Privilegien innerhalb der Häftlingshierarchie ausgestattet wurden.9

Wenngleich sich die Routen nach Mauthausen stark unterschieden, lassen sich doch einige Parallelen in den Häftlingsgeschichten finden. Während es bereits in den ersten zwei Jahren der Besatzung zu Verhaftungen kam, wurde die Festnahme und Deportation norwegischer Staatsbürger ab 1942/43 unter dem Eindruck des sich hinziehenden Krieges durch die deutschen Besatzer zunehmend systematisiert.10 Diese Entwicklung lässt sich auch in den Haftchroniken der norwegischen Mauthausen-Häftlinge verfolgen. 118 der 130 NorwegerInnen werden nach dem Jahreswechsel 1942 sowie im Laufe der folgenden zwei Jahre verhaftet.11 Diejenigen, welche nicht im Raum Oslo ansässig oder aktiv waren, wurden im Anschluss an ihre Verhaftung zunächst in regionalen Gefängnissen in der nächstgelegenen größeren Stadt interniert. Merethe Aagaard Jensen merkt an, dass insbesondere in jenen regionalen Haftanstalten, welche oftmals mit dem jeweiligen Gestapo-Hauptquartier einhergingen, brutale Folter gegen die Häftlinge angewandt wurde.12 So berichten etwa die meisten der Bergenser Gefangenen von Misshandlungen während ihrer Haft im „Bergen kretsfengsel“, beispielsweise Paul Nicolaysen, welcher in einem Fragebogen für ehemalige norwegische KZ-Häftlinge Stehfolter, Peitschen- und Gesichtsschläge beschreibt. Er vermerkt des Weiteren, dass er auch in Deutschland einiges durchgemacht habe.13 Eine recht distanzierte und wage Beschreibung und ein starker Kontrast zu den Ausführungen bezüglich seiner Haftzeit in Norwegen. Ähnliches lässt sich auch in anderen Häftlingsfragebögen beobachten, selten werden überhaupt Misshandlungen in den deutschen Lagern erwähnt, vielmehr geht es darin oft um Gewalt während der Verhöre. Es stellt sich die Frage, ob dies mit dem Schock des unmittelbar Erlebten zusammenhängt, oder etwa der privilegierten Stellung der NorwegerInnen im KZ-System. Eine andere Erklärung könnte die Feststellung Aagaard Jensens liefern, dass die Häftlinge oftmals sehr überrascht von der Gewalt der lokalen Gestapo in Norwegen waren. Sie konstatiert dazu, dass dies wohl nicht nur mit „der Vorstellung von den kultivierten Deutschen zusammen[hängt], sondern auch damit, dass die Norweger von Seiten ihrer Staatsmacht nicht an eine solche Vorgehensweise gewohnt waren.“14

Circa 80 Prozent der 130 norwegischen Häftlinge in Mauthausen passierten auf ihrem Weg nach Deutschland schließlich das Lager Grini bei Oslo. Die meisten kamen nach den Befragungen in der sogenannten „Møllergata 19“ – Oslos zentraler Polizeistation – zunächst dorthin. Das Polizeihäftlingslager war ab dem Sommer 1941 in Betrieb und stand unter dem Befehl der Sicherheitspolizei und damit der deutschen Behörden. Seine Hauptfunktion bestand in der zentralen Internierung und aktiven Eingrenzung des – sowohl friedfertigen als auch gewaltvollen – Widerstands.15 Aagaard Jensen fast die Berichte der späteren Mauthausen-Gefangenen so zusammen, dass „die Bedingungen in Grini trotz Nahrungs- und Platzmangel [sic!] erträglich“ waren.16 Auch in den Fragebögen der ehemaligen Häftlinge finden sich kaum dezidierte Hinweise zu Misshandlungen in Grini.

Für viele war der erste Eindruck vom Deutschen Reich, abgesehen von ersten Begegnungen mit ihren Peinigern, das KZ Sachsenhausen, wohin ungefähr 35 Prozent der 130 NorwegerInnen verschleppt wurden.17 Der 18-Jährige Erling Bauck – welcher in Reaktion auf die Flucht seines Vaters verhaftet worden war – berichtet, dass er nach der langen Zeit in Grini und auf Basis dessen, was er über das Lager in Sachsenhausen gehört hatte, nicht unbedingt traurig war, dass es nun in das Besatzerland ging.18 Tatsächlich wurden norwegischen Häftlingen in Sachsenhausen einige Privilegien zuteil. Sie waren zusammen mit den dänischen Häftlingen in einem „Norwegerblock“ untergebracht, durften Briefe schreiben und ab Frühjahr 1943 Pakete durch das Rote Kreuz empfangen.19

Eine andere Geschichte, welche eng mit dem KZ Sachsenhausen verknüpft ist, ist die des einzigen norwegischen Juden in Mauthausen: Moritz Nachtstern. Norwegen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit gut 2000 Mitgliedern Heimat einer der kleinsten jüdischen Gemeinden in Europa. Nach der Besetzung des Landes durch die Nationalsozialisten begann eine langsame, aber stetige Politik der Ausgrenzung, auf welche im Herbst 1942 ein rapider und brutaler „final blow“ in Form von Massenfestnahmen und anschließenden Deportationen gegen die norwegischen Juden folgte.20 Das Thema Holocaust bleibt lange Zeit ein unbeleuchtetes innerhalb der norwegischen Erinnerungskultur, insbesondere, da es nicht nur das kollektive Widerstandsnarrativ untergräbt, sondern auch Fragen zum Wissen der Widerstandsbewegungen über die Judenverfolgung aufwirft.21 Daher ist es besonders wichtig auch jene Geschichten zu erzählen, welche wie im Fall Moritz Nachtsterns Einzelfälle bleiben. Nachtstern wurde im Oktober 1942 im Rahmen der „Juden-Aktion“ verhaftet – zusammen mit 772 anderen, von welchen den Holocaust 38 überleben werden.22 Die Mehrheit dieser Gruppe, inklusive Nachtstern, wurde im November 1942 auf der D/S Donau nach Auschwitz deportiert. Von dort gelangte er nach Sachsenhausen, wo er als gelernter Typograph in der „Fälscherwerkstatt“ des KZs arbeitete. Als Mitglied eines Spezialkommandos lebte Nachtstern unter deutlich besseren Bedingungen und konnte Pakete empfangen.23 Dennoch war den Mitgliedern dieser Gruppen bewusst, dass sie als Mitwisser das KZ nicht lebend verlassen sollten.24 Mit dem Vorrücken der Alliierten war die Druckproduktion mehrmals verlegt worden, zuletzt in das Mauthausen-Nebenlager Ebensee, wo Nachtstern schließlich auch befreit wurde.25

Stolperstein für den im Oktober 1942 deportierten Moritz Nachtstern vor seinem Haus. Mauthausen sowie der Ort seiner Befreiung, das Außenlager Ebensee, werden nicht erwähnt. Fotografie: Alina Lutz, Oslo, Juni 2026.

Unter den 130 späteren Mauthausen-Häftlingen befanden sich auch 17 Frauen, welche nach Aufenthalten in der „Møllergata 19“ und Grini ausnahmslos alle zunächst in das KZ Ravensbrück deportiert wurden. Während manche von ihnen als NN-Gefangene deklariert waren, kamen andere als norwegische Schutzhäftlinge nach Ravensbrück. Kristian Ottosen beschreibt, dass die SS im Lager das Kontaktverbot nach Hause für die mit „NN“ gekennzeichneten Inhaftierten anfangs noch nicht durchsetzten. Ab 1943 änderte sich dies und Brief- und Paketsendung wurden unterbunden. Wenngleich die regulären Häftlinge sich nicht in der speziell für NN-Gefangene eingerichteten Baracke aufhalten durften, gelang es über Kontakte am Arbeitsplatz, auch letztere mit Paketsendungen zu versorgen.26 Am 1. März 1945 sollte schließlich ein Transport der NN-Häftlinge nach Mauthausen gehen. Ottosen konstatiert, dass das Lagerpersonal zu diesem Zeitpunkt Schwierigkeiten hatte, zwischen gewöhnlichen norwegischen Häftlingen und den als „NN“ deklarierten zu unterscheiden. So hielten sich zufällig drei norwegische Frauen, welche dort eigentlich nicht hingehörten, in der NN-Baracken auf, als diese gerade für den Transport vorbereitet wurde. Sie kamen ebenfalls auf die Transportliste und zwei von ihnen, Solveig Smedsrud und Gudbjørg Skaug, welche gerade eine Verlegung zurück aus Auschwitz, beziehungsweise einen lange Gefängnisaufenthalt in Deutschland überstanden hatten, kamen entsprechend geschwächt in Mauthausen an.27 Als einzige der 17 Frauen werden sie das Lager nicht überleben, sie wurden noch im März 1945 nach Bergen-Belsen deportiert und gingen dort zu Grunde.28

Wenngleich sich die vorausgehenden Hafterfahrungen der NorwegerInnen unterschieden, erfolgte die Deportation nach Mauthausen für die aller meisten zum Ende ihrer bereits Jahre dauernden Tortur. Fast 80 Prozent trafen erst zwischen Herbst 1944 und der Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 dort ein.29 Mauthausen war unter den Häftlingen als „Sterbelager“ bekannt,30 und viele der norwegischen Gefangenen hatten auf Grund ihrer Einordnung als „NN“ oder ihrer Tätigkeit im Lagersytem (Nachtstern) sowie nach allem, was sie von dem Lager in der „Ostmark“ gehört hatten, Grund genug zu glauben, dass Mauthausen ihre letzte Station sein würde.

Håkon Henriksen schildert nach seiner Befreiung eindrucksvoll das in Mauthausen Gesehene:

„Inmitten dieser unglücklichen Massen sieht man die SS mit ihren Lakaien vorrücken, bewaffnet mit Stöcken und Knüppeln, und gnadenlos auf die Füße der Opfer einschlagen. Es ist ihnen gleichgültig, wer ihr Opfer ist, solange ihre sadistischen Bedürfnisse befriedigt werden.“31

Die meisten der NorwegerInnen blieben jedoch nicht in Mauthausen, sondern wurden in eines der Nebenlager verbracht. Mindestens 46 von ihnen kamen nach Melk, 15 nach Gusen – davon fast alle in das Lager Gusen II – sowie neun nach Ebensee.32 In Melk mussten die Häftlinge Schwerstarbeit beim Tunnelbau leisten. Schilderungen exzessiver Gewalt wie die des Norwegers Alfred Gundersen lassen wohl den Rückschluss zu, dass die norwegischen Häftlinge in Mauthausen keine Privilegien auf Grund ihrer Herkunft mehr genossen. In den letzten Tagen des Krieges und an dieser letzten Station ihres Weges durch das KZ-System waren sie Futter für die Maschinerie der Nationalsozialisten, wie alle anderen Gefangenen auch. Der norwegische Häftling Erling Bauck beschreibt Melk in seinem Bericht später als „riesige[n] Ofen“, in welchem die Menschen wie Brennstoff seien.33 48 der NorwegerInnen verloren in Mauthausen, fast ausschließlich in den letzten Monaten des Krieges, ihr Leben. Die meisten davon in Melk und Gusen II. Mit fast 40 Prozent Sterblichkeit ist Mauthausen für die norwegischen Gefangenen deutlich tödlicher als andere Lager,34 insgesamt sterben im Zweiten Weltkrieg 15,5 Prozent der in deutsche Konzentrationslager verschleppten NorwegerInnen.35

Die norwegische Erinnerung an die Besatzung und die Zeit des zweiten Weltkriegs ist bis heute – mit einigen Differenzierungen – getragen von zwei wesentlichen Säulen: einer universellen Definition von Widerstand, welche nicht nur aktive Handlungen inkludiert, sondern auch eine „innere Abneigung gegen das deutsche Besatzungsregime“ und damit auf breite Bevölkerungsteile anwendbar ist,36 sowie die daraus resultierende, dichotome Abgrenzung zwischen den „guten“ Norwegern und den Verrätern, den Anhängern Quislings.37 In diesem Kontext identifizieren sich die ehemaligen Häftlinge in der Nachkriegszeit viel mehr über ihre Aktivitäten im Widerstand vor der Verhaftung, als als Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Umgekehrt bedeutet dieses einseitig-dominante Narrativ für einige Häftlingsgruppen, dass sie gar nicht erst in der Erinnerung Platz finden. So konstatiert Jon Reitan, dass die jüdischen Deportierten in ein moralisch aufgeladenes Bild der heroischen Widerstandskämpfer nicht integriert werden konnten.38 Ähnliches galt für die Gruppe der kommunistischen Widerstandskämpfer. Diese war schon während der Besatzung durch inhaltliche Differenzen mit den dominanten Widerstandsgruppen gekennzeichnet gewesen. Angesichts ihrer vermeintlichen Nähe zum sowjetischen Russland schwand das Misstrauen ihnen gegenüber nach Ende des Krieges nicht, und die norwegische Historiographie verwehrte den Kommunisten ihren Platz in der Erinnerung.39 Erst in den letzten Jahrzehnten erschienen einige Arbeiten, welche dieses Ungleichgewicht richtig zu stellen suchten.

Wie bereits an einigen Stellen konstatiert, gab es trotz dieses Fokus auf die Zeit im Widerstand bereits unmittelbar nach dem Ende des Krieges einige ehemalige Häftinge, welche dezidiert über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern berichteten. Sehr einflussreich wurde hier das Werk „Fange i natt og tåke“40 (deutsch: Gefangener in Nacht und Nebel) des späteren norwegischen Premierministers Trygve Bratteli. Daneben gab es auch unter den Mauthausen-Häftlinge einige Autoren, wie der zuvor erwähnte Erling Bauck, welcher zwei Werke verfasste.41 Auffällig dabei ist, dass sowohl Bratteli als auch viele andere der Publizierten nach dem Krieg prominente Positionen in Politik und Öffentlichkeit einnahmen und darüber hinaus die „richtigen“ Nachkriegsnarrative repräsentierten. Betrachtet man diesen Umstand, sowie die Tatsache, dass die Kohorte der NorwegerInnen in Mauthausen äußerst klein war und das Lager überdies zumeist die aller letzte Station auf ihrem langen Weg durch das KZ-System war, verwundert es nicht, dass es für die norwegischen Häftlinge auch keine Repräsentation in Form eines dezidierten Mauthausen-Komitees gab und gibt. In der norwegischen Erinnerung an die deutsche Besatzung finden sie wenig Platz. Die generell schwierige Position der meisten ehemaligen Gefangenen nach dem Ende des Krieges in ihrer Doppelrolle als Widerstandshelden und befreite Häftlinge, trug nicht positiv zu einem offenen Diskurs in Norwegen über ihr Schicksal bei. Mauthausen, so scheint es, bleibt nur eine vage Erinnerung, das Ende eines langen Leidenswegs.



Quellenverzeichnis

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Literaturverzeichnis

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  1. Oscar Magnusson, Jeg vil leve, 1. oppl (Den norske bokklubben, 1984), 189. Übersetzt durch die Autorin. ↩︎
  2. Die Datenbank ging ab 2020 aus einer Kooperation des „ARKIVET – Friedens- und Menschenrechtscenters“ in Kristiansand, sowie des „Falstad Center“, einer Gedenkstätte und nationalen Bildungs- und Dokumentationseinrichtung zur Geschichte der Gefangenschaft während des Zweiten Weltkrieges, hervor. Siehe „Bakgrunn“, Fanger.no, o. J., https://www.fanger.no/articles/bakgrunn. (Abgerufen am 29.12.2025). ↩︎
  3. Patrick G. Zander, Hidden Armies of the Second World War: World War II Resistance Movements (ABC-Clio, 2017), 87. ↩︎
  4. Vgl. ebd., 42. ↩︎
  5. Vgl. Ole Kristian Grimnes, Norway in the Second World War: Politics, Society and Conflict, übers. von Frank Stewart (Bloomsbury Academic, 2022), 36. ↩︎
  6. Vgl. Merethe Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, in Deportiert nach Mauthausen, Bd. 2, hrsg. von Gerhard Botz u. a., Europa in Mauthausen (Böhlau Verlag, 2021), 222. ↩︎
  7. Vgl. Bjarte Bruland, „The Final Solution in Norway: Local Collaboration in the Holocaust“, Holocaust and Genocide Studies 37, Nr. 2 (2023): 202, https://doi.org/10.1093/hgs/dcad028. ↩︎
  8. Vgl. „Mauthausen“, mit ARKIVET freds- og menneskerettighetssenter und Stiftelsen Falstadsenteret, Fanger.no, https://www.fanger.no/prisoncamps/696 (Abgerufen am 29.12.2025). ↩︎
  9. Vgl. Erling Bauck, ……men noen kom fra det! (Cammermeyer, 1945), 87. ↩︎
  10. Vgl. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 229. ↩︎
  11. Vgl. Fanger.no, „Mauthausen“. ↩︎
  12. Vgl. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 231. ↩︎
  13. Vgl. „Spørreskjema fra Rikspolitiet. Paul Nicolaysen“, Nasjonalarkivet (Riksarkivet), RA-S-1560: Rikspolitisjefen, L: Spørreskjema for tidligere politiske fanger 1940-1945, L0012: Mogensen, Øivind – Noraas, Lars, AV/RA-S-1560/L/L0012, https://media.digitalarkivet.no/view/135984/510 (Abgerufen am 3.1.1026). ↩︎
  14. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 232. ↩︎
  15. Vgl. Elise Barring Berggren, „Grini fangeleir og Holocaust i Norge: Grinis funksjon i forfølgelsene av norske jøder 1941–1945“, Historisk tidsskrift 102, Nr. 1 (2023): 28, https://doi.org/10.18261/ht.102.1.3. ↩︎
  16. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 232. ↩︎
  17. Vgl. Fanger.no, „Mauthausen“. ↩︎
  18. Vgl. Bauck, ……men noen kom fra det!, 71. ↩︎
  19. Vgl. ebd., 87. ↩︎
  20. Vgl. Bruland, „The Final Solution in Norway“, 202. ↩︎
  21. Vgl. ebd. ↩︎
  22. Vgl. Thomas V. H. Hagen und Inger Fagerberg, „Aksjonen mot jøder i Norge oktober-november 1942“, Fanger.no, https://www.fanger.no/histories/aksjonen-mot-joeder-i-norge-oktober-november-1942 (Abgerufen am 11.1.2026). ↩︎
  23. Vgl. Astrid Ley und Agnes Ohm, „Die Fälscherwerkstatt im Konzentrationslager Sachsenhausen“, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70, Nr. 10 (2022): 821, https://doi.org/10.5771/0044-2828-2022-10-805. ↩︎
  24. Vgl. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 238. ↩︎
  25. Vgl. „Moritz Nachtstern“, mit ARKIVET freds- og menneskerettighetssenter und Stiftelsen Falstadsenteret, Fanger.no, https://www.fanger.no/persons/30800#images (Abgerufen am 3.1.2026). ↩︎
  26. Vgl. Kristian Ottosen, Kvinneleiren: Historien om Ravensbrück-fangene, 2. oppl (Aschehoug, 1991), 269–270. ↩︎
  27. Vgl. ebd. ↩︎
  28. Vgl. Fanger.no, „Mauthausen“. ↩︎
  29. Vgl. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 236. ↩︎
  30. Vgl. Ottosen, Kvinneleiren, 273. ↩︎
  31. Håkon Anker Henriksen, „En skildring av en dag i Mathausen.“, Håkon Anker Henriksen , Dokumenter, Fanger.no, https://www.fanger.no/persons/22149#references. Übersetzt durch die Autorin. (Abgerufen am 3.1.2026). ↩︎
  32. Vgl. Fanger.no, „Mauthausen“. ↩︎
  33. Vgl. Bauck, ……men noen kom fra det!, 162. ↩︎
  34. Vgl. Fanger.no, „Mauthausen“. ↩︎
  35. Vgl. Aagaard Jensen, „«Wie vom Erdboden verschwunden …», Die dänischen und norwegischen Mauthausen-Häftlinge“, 236. ↩︎
  36. Vgl. ebd., 234. ↩︎
  37. Vgl. Johan Östling u. a., Hrsg., „The Solidity of a National Narrative. The German Occupation in Norwegian History Culture“, in Nordic Narratives of the Second World War, von Synne Corell (Nordic Academic Press, 2011), 101, Elektronisk resurs. ↩︎
  38. Vgl. Jon Reitan, „Nazileirene i den norske historiebevisstheten“, in Fortiden i nåtiden nye veier i formidlingen av andre verdenskrigs historie, hrsg. von Claudia Lenz und Trond Risto Nilssen (Universitetsforlaget, 2011). ↩︎
  39. Vgl. Maier Clemens, „Making Memories: The Politics of Remembrance in Postwar Norway and Denmark“ (European University Institute, 2007), 286, https://doi.org/10.2870/37104. ↩︎
  40. Trygve Bratteli, Fange i natt og tåke, 12. oppl (Tiden Norsk Forl, 1981). ↩︎
  41. Bauck, ……men noen kom fra det!; Erling Bauck, Du skal leve (Forl. Exodus, 1995). ↩︎

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