Die letzten Tage und Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, Maria Luise Winkler

Die letzten Tage und Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Opfer- und Täterperspektiven im Vergleich

von Maria Luise Winkler

Die letzten Wochen des Konzentrationslagers Mauthausen vor seiner Befreiung im Mai 1945 markieren eine Phase der Eskalation nationalsozialistischer Gewalt, die zugleich vom sichtbaren Zerfall des Lagersystems geprägt war. Überfüllung, Hunger, Krankheit und massenhaftes Sterben bestimmten den Alltag der Inhaftierten, während die SS trotz des militärischen Zusammenbruchs weiterhin versuchte, Kontrolle über das Lagergeschehen aufrechtzuerhalten und Spuren der Verbrechen zu beseitigen. Wie unterschiedlich diese Endphase wahrgenommen und erinnert wurde, zeigt sich besonders deutlich im Vergleich zwischen den Aussagen des ehemaligen Häftlings Jack H. Taylor und der Vernehmung des Lagerkommandanten Franz Ziereis. Während Taylor die letzten Tage in Mauthausen als Erfahrung permanenter Gewalt, existenzieller Bedrohung und körperlicher Auszehrung beschreibt, zeichnet Ziereis das Bild eines befehlsgebundenen Funktionsträgers innerhalb eines übergeordneten Systems. Die Gegenüberstellung beider Perspektiven verdeutlicht nicht nur die asymmetrischen Erfahrungsräume von Opfern und Tätern, sondern macht zugleich sichtbar, wie stark Erinnerung, Rechtfertigung und Selbstdeutung die Darstellung historischer Realität prägen.

Häftlinge auf dem Appellplatz erwarten die Befreier der US Army.
Mauthausen Memorial, Sammlung Antonio Garcia, S 4665, 4.2.1.002.B3, Fotograf: Francisco Boix Campo

Das KZ Mauthausen

Das Konzentrationslager Mauthausen wurde kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich errichtet und war Teil eines zentral gesteuerten, bürokratisch organisierten Lagersystems und folgte einer klar hierarchischen Verwaltungs- und Befehlsstruktur. In dieser Struktur waren Gewalt, Zwangsarbeit und Terror nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Mauthausen fungierte dabei nicht als isolierter Ort, sondern als Zentrale eines weit verzweigten Lagerkomplexes mit zahlreichen Außenlagern. Zwischen 1938 und 1945 waren etwa 190.000 Menschen aus rund 40 Nationen im Konzentrationslager Mauthausen und seinen Außenlagern inhaftiert, mindestens 90.000 verloren dabei ihr Leben.1

Die SS war im KZ Mauthausen die zentrale Instanz der Lagerherrschaft.2 Sie kontrollierte alle Lebensbereiche der Inhaftierten und setzte Gewalt, Terror und Entmenschlichung systematisch ein. Zwangsarbeit war eng mit der intendierten physischen Zerstörung der Häftlinge verbunden, wobei Tod durch Erschöpfung, Unterversorgung oder Misshandlung bewusst einkalkuliert wurde.

An der Spitze der SS-Pyramide stand ab 1939 Lagerkommandant Franz Ziereis.3 Ihm unterstellt waren nicht nur die verschiedenen Abteilungen des Kommandanturstabs, sondern auch die Wachmannschaften zur Bewachung des Lagers oder von Transporten.

Eine zweite Lagerhierarchie bildeten in Mauthausen die Häftlingsfunktionäre gleichsam als Bindeglied zwischen der SS und der Häftlingszwangsgesellschaft. Die SS versprach sich davon, Aufwand und Kosten für die Bewachung der Häftlinge gering zu halten.4 Funktionshäftlinge hatten gewisse Privilegien, waren den Schikanen und der Gewalt der SS weniger ausgesetzt, von schwerer körperlicher Arbeit meist befreit und verfügten über weitreichende Befugnisse, bessere Unterkünfte und großzügigere Kost.5

Funktionshäftling zu sein bedeutete jedoch nicht automatisch, im Sinne der SS zu handeln. Das System der Funktionshäftlinge konnte auch zum Vorteil der Häftlingsgesellschaft genutzt werden.6 So konnten Funktionshäftlinge beispielsweise die Arbeitszuteilung beeinflussen, einzelne Häftlinge durch Identitätstausch vor dem Tod bewahren; außerdem waren viele von Ihnen später Teil eines geheimen Netzwerks von Solidarität und Widerstand unter den Häftlingen.7

Besonders die Funktionshäftlinge waren es, die in der Endphase des Konzentrationslagers Mauthausen eine Vielzahl an Dokumenten, Fotos und Beweisen – oftmals unter Lebensgefahr – verstecken und vor der Vernichtung bewahren konnten.

Die Endphase im Konzentrationslager Mauthausen

Ab Beginn des Jahres 1945 war der Konzentrationslagerkomplex Mauthausen von extremer Überfüllung, Hunger, Krankheiten, zunehmender Gewalt und Massensterben geprägt. Durch Evakuierungstransporte aus anderen Lagern trafen zwischen Jänner und Mai 1945 über 30.000 neue Häftlinge ein, wodurch sich die ohnehin katastrophalen Lebensbedingungen weiter verschärften. Es fehlte an Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und Unterkünften, während Krankheiten wie Typhus und Ruhr rasch um sich griffen. Gleichzeitig hielten SS-Personal und Funktionshäftlinge das System aus Gewalt, Zwangsarbeit, Selektionen und Mord bis zuletzt aufrecht. Allein in den letzten Monaten vor der Befreiung starben zwischen 34.000 und 40.000 Menschen, viele davon durch gezielte Ermordung mit Zyklon B. Die Angst vor plötzlicher Gewalt, willkürlichen Erschießungen oder dem Tod durch Vernachlässigung prägte den Alltag ebenso wie die Unsicherheit über das unmittelbar bevorstehende Ende des Lagers.8

Gleichzeitig begann die SS mit der Zerstörung von Akten und dem Rückzug aus dem Lager. Am 5. Mai 1945 wurde Mauthausen schließlich von der US-amerikanischen Armee befreit.9

Vernehmungsprotokolle und Interviews als Quellen: Intention und Verzerrung

Vernehmungsprotokolle zählen zu den zentralen, zugleich jedoch methodisch problematischen Quellen der Zeitgeschichte. Sie entstehen in einem asymmetrischen Verhörkontext, der von juristischen Erwartungen, Machtverhältnissen und möglichen Sanktionen geprägt ist. Aussagen von Angehörigen der SS wurden daher häufig strategisch formuliert, um Verantwortung zu relativieren, Schuld abzuwälzen oder Handlungen durch Befehlsgehorsam zu rechtfertigen. Gleichzeitig besitzen solche Quellen einen hohen Erkenntniswert, da sie Einblicke in Selbstwahrnehmung, Deutungsmuster und Rechtfertigungsstrategien der Täter ermöglichen. Gerade das Beschönigen, Relativieren oder Verschweigen wird dabei selbst zu einem wichtigen historischen Befund.

Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zählen zu den zentralen Quellen der Oral History, da sie Einblicke in individuelle Wahrnehmungen, Erfahrungen und Emotionen historischer Ereignisse ermöglichen. Besonders für die Geschichte der Konzentrationslager eröffnen sie Perspektiven auf Alltag, Gewalt und Überlebensstrategien, die in Verwaltungs- oder Täterquellen oft fehlen. Gleichzeitig sind Interviews methodisch herausfordernd, da sie auf retrospektiven Erinnerungen beruhen, die durch spätere Erfahrungen und gesellschaftliche Diskurse beeinflusst werden können. Auch die Interviewsituation selbst prägt die Aussagen wesentlich. Der Quellenwert des Interviews mit Jack H. Taylor liegt daher weniger in der exakten Rekonstruktion von Abläufen als vielmehr in der Erfassung seiner subjektiven Wahrnehmungen und Erinnerungen an die letzten Tage im KZ Mauthausen.

Jack H. Taylor

Jack Taylor sagt im sogenannten Dachauer Mauthausen-Prozess gegen 61 ehemalige Lagerangestellte und Häftlinge aus Mauthausen für die Anklage aus. USHMM, courtesy of Albert Barkin, Photograph Number: 11715

Jack Hendrik Taylor war ein US-Offizier, der im Frühjahr 1945 nach Mauthausen kam. Er wurde 1908 in Kansas geboren und war zunächst Zahnarzt in Los Angeles, bevor er 1941 Navy-Offizier wurde. Ende 1944 sprang er als OSS-Agent hinter den feindlichen Linien in Österreich ab, geriet in Gefangenschaft, wurde von der Gestapo gefoltert und Anfang April 1945 ins KZ Mauthausen verschleppt.

Taylor bekam die katastrophalen Lebensbedingungen in der Endphase des Lagers am eigenen Leib mit. So erkrankte er beispielsweise an Ruhr und litt unter starker Unterernährung, weshalb er de facto als arbeitsunfähig eingestuft wurde und nur knapp dem Tod entging.

Er überlebte jedoch bis zur Befreiung des Lagers und konnte anschließend das War Crimes Investigation Team beim Sammeln von Zeugenaussagen und Beweisdokumenten unterstützen. Nach dem Krieg wurde er zum Lieutenant Commander befördert, und kehrte nach Europa zurück, um bei den Nürnberger Prozessen auszusagen. Anschließend retournierte er in sein ziviles Leben – er starb am 10. Mai 1959.

In seinem Interview beschreibt Jack H. Taylor vor laufender Kamera zunächst seine Verhaftung und die Überstellung nach Mauthausen, ehe er zu den letzten Wochen und Tage im Konzentrationslager Mauthausen als eine Phase zunehmender Auflösung kommt, die von Hunger und permanenter Todesnähe bestimmt waren. Das Interview wirkt einstudiert, nachdem drei aufeinanderfolgende „Takes“ gezeigt werden, in denen der Text nahezu ident ist.

„I have seen and heard terrible stories here in this lager.“10

Der Lageralltag habe in dieser Endphase kaum noch Struktur besessen und sei vollständig vom Kampf ums Überleben dominiert worden. Taylor betont dabei wiederholt den allgegenwärtigen Hunger. Weiters erzählt Jack Taylor von angeblichem Kannibalismus auf der sogenannten Krankenstation, welcher Ausdruck des Hungers gewesen sei.11

There are conditions of hunger here too extreme to mention.“12

Der körperliche Verfall der Häftlinge erscheint in Taylors Schilderung als sichtbares Massenphänomen. Taylor berichtet, dass jeden Tag Menschen getötet worden seien, allein im April 1945 wären es täglich rund 1.100 Personen gewesen.13 Diese permanente Konfrontation mit dem Sterben habe den Tod zu einem normalisierten Bestandteil der Lagerwirklichkeit werden lassen. Er nennt eine Vielzahl an Todesarten – wobei laut Taylor einige Gefangene bis zu 48 Stunden nackt im Schnee verbringen mussten und dabei von der SS mit kaltem Wasser übergossen wurden.14 Dadurch zeigt sich, dass die Macht der SS weiterhin das Leben der Häftlinge bestimmte. Gewalt und Angst waren nicht verschwunden, sondern hätten den Alltag bis zum letzten Tag geprägt.

Taylor selbst litt ebenso an starker Unterernährung und Krankheit. Nur durch Glück konnte er bis zur Befreiung überleben.

„I have found out in the last few days that I, also, was condemned to death.“15

Um die Toten wegzuschaffen, wären drei Krematorien nahezu ununterbrochen in Betrieb gewesen, um die Leichen zu verbrennen.16

Taylor berichtet weiters, dass die SS in den letzten Tagen vor der Befreiung versuchte, „to remove all the possible evidence“17 – ein Versuch, das Ausmaß der Verbrechen zu verschleiern. Die von Jack Taylor beschriebenen Maßnahmen zielten darauf ab, materielle Spuren, wie Leichen, ebenso zu beseitigen wie schriftliche Beweise für Morde, Selektionen und Exekutionen.

Franz Ziereis

Einen anderen Blick auf die Endphase im Lager Mauthausen hatte der Lagerkommandant, Franz Ziereis.

Franz Ziereis, Lagerkommandant des KZ Mauthausen, vor dem Kommandanturgebäude auf der Garagenhofmauer stehend, undatiert. Fotograf unbekannt, Erkennungsdienst der SS im KZ Mauthausen.
Mauthausen Memorial, Sammlung Hans Maršálek, 4.1.0722

Franz Xaver Ziereis wurde 1905 in München geboren und trat 1924 der Reichswehr bei. 1936 wechselte er zur SS, ein Jahr später folgte der Beitritt zur NSDAP. Von Februar 1939 bis Mai 1945 war er Lagerkommandant des Konzentrationslagers Mauthausen und damit für den gesamten Lagerbetrieb, einschließlich Zwangsarbeit, Disziplin und Gewaltmaßnahmen, verantwortlich.18

Unter seiner Leitung entwickelte sich Mauthausen zu einem der brutalsten Konzentrationslager des NS-Systems. In seine Amtszeit fallen systematische Tötungen, die Nutzung von Gaskammern sowie medizinische Verbrechen, vor allem in der Endphase des Krieges.

Kurz vor der Befreiung floh Ziereis Richtung Spital am Pyhrn, wurde am 23. Mai 1945 von US-Soldaten gefasst und angeschossen, und starb am Abend des 24. Mai.19 Noch vor seinem Tod wurde er mehrere Stunden lang verhört – die dabei entstandenen Aussagen bilden die Grundlage des überlieferten Vernehmungsprotokolls.

Die Vernehmung Ziereis’ entstand unmittelbar nach dem militärischen Zusammenbruch des NS-Regimes unter außergewöhnlichen Bedingungen: Er war schwer verwundet, befand sich im 131st Evacuation Hospital der US Army im befreiten KZ Gusen und musste mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen.

Seine Aussagen sind daher nicht als neutrale Darstellung, sondern als strategische Selbstdarstellung eines Täters zu verstehen, der Verantwortung relativierte, Befehlsabhängigkeit betonte und eigene Beteiligung an Verbrechen minimierte.

Gleichzeitig ist die Quelle analytisch bedeutsam, da sie Einblicke in die Rechtfertigungslogik und Selbstwahrnehmung eines Lagerkommandanten bietet. Historisch überliefert sind dabei keine von Ziereis selbst unterzeichneten Protokolle, sondern nachträgliche Abschriften bzw. eidesstattliche Aussagen, u. a. von Hans Maršálek, welche die Einvernahme rekonstruieren.

Die folgende Analyse verwendet die Niederschrift des Verhörs vom 23. Mai 1945.

Ziereis führt in seinem Verhör seine Erinnerungen an die letzten Wochen vor der Befreiung aus. Er beschreibt dabei, die Vernichtung der Akten sei eine Anweisung „von oben“ gewesen, welche erst kurz vor der Befreiung erging– ebenso wie der Befehl, politische Gefangene zu ermorden.

„The orders to burn all documents of the prisoners were given in the last days of April (1945) and in the first days of May, and were given by the Office D (t D) in Berlin by Groupleader SS Cluke. The Orders to murder the prisoners of war were given by SS Reichsfuhrer Himmler.“20

Ziereis selbst sei also nicht dafür verantwortlich zu machen, er habe lediglich Befehle ausgeführt. Diese Art von Befehlsnotstand lässt sich in zahlreichen Verhörprotokollen und Gerichtsakten der Nachkriegsjustiz erkennen. Er dient als eine Form von Selbstrechtfertigung und fungierte als rechtlich und sozial akzeptiertes „Schutzschild“.

Der ehemalige Lagerkommandant räumt während des Verhörs jedoch auch Gräueltaten ein.

„Personally I have murdered many hundreds of’ prisoners, perhans, about 400 by sending them to the concony of penalty. (Strafkompanie) […]“21

Durch den Einfluss seiner schockierten Ehefrau habe er jedoch mehr und mehr begonnen, Weisungen aus Berlin zu ignorieren, was aus quellenkritischer Sicht jedoch zu hinterfragen ist.22

Ziereis führt mit einer Beschreibung von Massentransporten ins Lager Mauthausen fort, bei denen tausende Gefangene – Männer, Frauen und Kinder – „unexpectedly“ aus anderen Lagern nach Oberösterreich deportiert wurden – viele von ihnen seien bei ihrer Ankunft bereits verhungert gewesen.23 Er habe daraufhin in Berlin mehr Lebensmittel angefordert – jedoch vergeblich. In den letzten 12 Tagen hätten sie weder Brot noch Fleisch zur Verfügung gehabt.24 Er betont zudem sein Risiko bei Beschwerden:

„I have asked Berlin to forbid this cruelty and then my supervisor criticized me.“25

Franz Ziereis führt des weiteren Berichte über die Exekution von 38 Österreichern aus, erwähnt die Grausamkeiten gegen Funktionshäftlinge in den letzten Tagen vor Kriegsende. So wären beispielsweise die Arbeiter in den Krematorien durch SS-Hauptsturmbannführer Georg Bachmayer getötet worden, weil sie als Zeugen hätten dienen können.26

Der ehemalige Lagerkommandant sieht sich selbst in seiner Aussage als befehlsgebundenen Handlanger Berlins und gibt zu, an der Ermordung einer Vielzahl an Häftlingen beteiligt gewesen zu sein. Als Rechtfertigungen nennt er erneut den Befehlsnotstand sowie mehrfach Unwissen. Außerdem finden sich in seinem Verhörprotokoll Beschuldigungen gegen eine Vielzahl anderer SS-Angehöriger, was auf eine Entlastung durch Schuldzuweisung an andere schließen lässt.

Ziereis selbst habe Befehle ausgeführt, ohne sie zu hinterfragen. Er sei lediglich als Kommandant des Lagers eingesetzt worden und habe keinen Handlungsspielraum gehabt. Erst kurz vor der Befreiung sei er – auch durch den Einfluss seiner Frau – nachdenklich geworden und begann, die Anweisungen zu hinterfragen.

„Now i see the devastation which was accomplished by one stupid man Hitler on the 90 million lives of German people, and the results.“28

Dieser Kommentar am Schluss der Vernehmung, und der Umstand, dass ihm – angesichts seiner ernsten Verletzung – klar sein konnte, bald zu sterben, scheint eine bemerkenswerte Einsicht, ob ehrlich oder strategisch motiviert, lässt sich allerdings nicht mehr klären.

SS-Foto: Appell der SS im Garagenhof, in der Bildmitte Franz Ziereis, 1941.
Mauthausen Memorial, Sammlung Hans Maršálek, 4.1.0678

Gegenüberstellung der Wahrnehmungen

Die letzten Wochen vor der Befreiung von Mauthausen werden in den Quellen aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Jack H. Taylor beschreibt sie als Phase völliger Auflösung, geprägt von Hunger, Krankheit, massenhaftem Sterben und permanentem Überlebenskampf, in der Gewalt allgegenwärtig blieb. Ziereis hingegen schildert diese Zeit distanziert und administrativ als Befehls- und Organisationssituation, in der Abläufe, Transporte und Versorgungsprobleme im Vordergrund standen und der Zusammenbruch des Lagers als Folge äußerer Anweisungen dargestellt wird. Gewalt erscheint dabei eher indirekt und in eine Sprache von Zuständigkeiten eingebettet. Die beiden Darstellungen betreffen denselben Zeitraum, spiegeln jedoch unterschiedliche Erfahrungs- und Deutungshorizonte wider: unmittelbare Opfererfahrung einerseits und funktional-bürokratische Täterperspektive andererseits.

Die Gegenüberstellung von Opfer- und Täterperspektive zeigt, wie stark Wahrnehmung von der jeweiligen Position im Gewaltverhältnis abhängt. Taylor beschreibt die SS-Gewalt als allgegenwärtig und lebensbestimmend, wobei Überleben vor allem von Zufall und körperlicher Widerstandskraft abhängt.Ziereis hingegen stellt sich als Teil eines hierarchischen Systems dar und relativiert individuelle Verantwortung durch Verweis auf Befehle und übergeordnete Instanzen; Gewalt wird dabei teilweise rationalisiert und administrativ eingebettet.

Der Vergleich verdeutlicht, dass Opferberichte die unmittelbare Erfahrung von Gewalt sichtbar machen, während Täterquellen vor allem Mechanismen der Rechtfertigung und Verantwortungsverschiebung offenlegen.Beide Quellen sind historisch wertvoll, unterliegen jedoch spezifischen Grenzen. Taylors Interview bietet einen eindrücklichen Zugang zur subjektiven Erfahrung der Lagerendphase, ist jedoch retrospektiv, selektiv und durch mögliche spätere Deutungen beeinflusst. Ziereis’ Vernehmung ist weniger Tatsachenbericht als Ausdruck von Rechtfertigung und Schuldabwehr, zudem unter extremen Bedingungen entstanden und nur in nachträglichen Abschriften überliefert.

In der Zusammenschau ermöglichen beide Quellen ein vertieftes Verständnis der unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe historische Realität, auch wenn sie keine vollständig objektive Rekonstruktion der letzten Lagertage erlauben.

Conclusio

Die beiden Quellen zeigen dieselbe historische Endphase des KZ Mauthausen, jedoch aus grundlegend unterschiedlichen Perspektiven. Jack H. Taylor beschreibt die letzten Tage aus Opferperspektive als Zustand totaler Gewalt, geprägt von Hunger, Tod und existenzieller Bedrohung, in dem Überleben vom Zufall abhängt und Gewalt als dauerhafte Realität erlebt wird. Ziereis stellt die gleiche Zeit aus Täterperspektive als organisatorische Ausnahmesituation dar, in der Befehle, Versorgungskrisen und administrative Abläufe im Vordergrund stehen und Gewalt häufig entpersonalisiert und gerechtfertigt wird. Der Vergleich macht deutlich, dass sich die Unterschiede weniger aus Fakten als aus der jeweiligen Position im Gewaltverhältnis ergeben: unmittelbare Erfahrung versus nachträgliche Rechtfertigung und Selbstentlastung.


  1. Häftlingsgruppen. Mauthausen Memorial. Link: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945/Haeftlingsgruppen. Aufgerufen am 9.2.26. ↩︎
  2. Christian Angerer. Maria Ecker. Nationalsozialismus in Oberösterreich. Opfer – Täter – Gegner. Studienverlag. Innsbruck. Wien. Bozen. 2014. 230. ↩︎
  3. Hans Maršálek. Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Mauthausen-Komitee Österreich. Wien. 2006. 296. ↩︎
  4. Karin Orth. Gab es eine Lagergesellschaft? „Kriminelle und politische Häftlinge im Konzentrationslager. In: Norbert Frei. Sybille Steinbacher. Bernd C. Wagner. Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit: Neue Studien zur Nationalsozialistischen Lagerpolitik. Darstellung und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. Walter de Gruyter. München. 2000. 109–133. 109. ↩︎
  5. Orth. Gab es eine Lagergesellschaft? 2000. 110. ↩︎
  6. Ebd. 111. ↩︎
  7. Frank Pingel. Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager. In: Historische Perspektiven 12. Hoffmann und Kampe. Hamburg. 1978. 107. ↩︎
  8. Bertrand Perz. Die SS im KZ Mauthausen. Eine Skizze. In: Georg Holzinger (Hg.). Die zweite Reihe. Täterbiografien aus dem Konzentrationslager Mauthausen. Schriftreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Band 10. Wien. 2016. 15–44. 39. ↩︎
  9. Gerald Botz. Alexander Prenninger. Regina Fritz. Heinrich Berger (Hg.). Mauthausen und die nationalsozialistische Expansions- und Verfolgungspolitik. Europa in Mauthausen. Band 1. Böhlau Verlag. Wien. Köln. Weimar. 2021. 260. ↩︎
  10. Sound interview with Lt Jack H Taylor, Concentration Camp, Mauthasen, Austria, May 7-8, 1945, USHMM, RG-60.2008, 00:01:10, online unter: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1000313 (zuletzt aufgerufen am 9.2.2026) ↩︎
  11. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:02:44. ↩︎
  12. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:02:34. ↩︎
  13. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:01:47. ↩︎
  14. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:02:22. ↩︎
  15. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:01:16. ↩︎
  16. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:02:02. ↩︎
  17. Interview Jack Taylor. 07.–08.05.1945, USHMM, RG-60.2008, 00:01:55. ↩︎
  18. Christian Angerer. Maria Ecker. Nationalsozialismus in Oberösterreich. Opfer – Täter – Gegner. Studienverlag. Innsbruck. Wien. Bozen. 2014. 251. ↩︎
  19. Rechtliche Verfolgung der Täter. Exkurs: Die Gefangennahme und Einvernahme von Ziereis. KZ-Gedenkstätte Gusen. Link: https://www.gusen-memorial.org/de/Wissen/Befreiung/Rechtliche-Verfolgung-der-Taeter. Aufgerufen am 9.2.2026. ↩︎
  20. Confession of Franz Ziereis, last commandant of Mauthausen. USHMM. RG-04.049, online unter: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504172?utm_source=chatgpt.com&rsc=21675&cv=15&x=&y=414&z=7.6e-4 (zuletzt aufgerufen am 9.2.2026) ↩︎
  21. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 2. ↩︎
  22. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 3. ↩︎
  23. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 3. ↩︎
  24. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 5. ↩︎
  25. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 3. ↩︎
  26. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 3. ↩︎
  27. Confession Franz Ziereis, 23.05.1945, USHMM. RG-04.049. 3. ↩︎

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