Als die Tore aufgingen; Frauen in Mauthausen und deren Wahrnehmungen der Befreiung – Pia Catalina Grubešić

Als die Tore aufgingen

Frauen in Mauthausen und deren Wahrnehmungen der Befreiung

von Pia Catalina Grubešić

Weibliche Überlebende in einer Baracke des sogenannten Sanitätslagers nach der Befreiung, Mai 1945.
United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Ray Buch, 1989.324.4.

Die Befreiung des Konzentrationslager Mauthausen am 5. Mai 1945 markierte das Ende jahrelanger systematischer Gewalt, Entmenschlichung und Leidens für die Inhaftierten. Dabei rücken die individuellen Erfahrungen der Überlebenden zunehmend in den Fokus der Forschung. Wie nahmen sie diesen Tag der Befreiung wahr und wie ging es weiter? Insbesondere die Perspektive weiblicher Häftlinge wurde lange Zeit nur am Rande berücksichtigt, da Mauthausen anfangs als reines Männerlager konzipiert wurde. Von den etwa 190.000 Menschen, die zwischen 1938 und 1945 im KZ-System Mauthausen -einschließlich Stammlager und Außenlagern – inhaftiert waren, waren schätzungsweise nur rund 8.500 Frauen, was einem Anteil von etwa 4,25 Prozent entspricht.1 Dabei waren Frauen im Konzentrationslager Mauthausen sowie in den dazugehörigen Außenlagern spezifischen Formen von Gewalt, Ausbeutung und Marginalisierung ausgesetzt, die zu unterschiedlichsten Wahrnehmungen und Verarbeitungen der Befreiung führten. Dieser Blogbeitrag möchte daran anknüpfen und geht der Frage nach, wie weibliche Häftlinge die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen emotional wahrnahmen. Anhand von Zeitzeugenberichten und Interviews, die durch das Mauthausen Memorial geführt wurden, soll untersucht werden, welche Gefühle, Hoffnungen und Ängste diesen Moment prägten und welche gemeinsamen sowie unterschiedlichen Erfahrungen sich in den überlieferten Berichten erkennen lassen.

Weibliche Häftlinge in Mauthausen

Obwohl das Lager Mauthausen als ein reines Männerlager konzipiert wurde, waren unter den befreiten Häftlingen auch Frauen vertreten. Unter den rund 190.000 Personen, die im KZ System Mauthausen in den Jahren 1938 bis 1945 inhaftiert waren, sollen geschätzt 8500 Frauen gewesen sein, wobei der Einbezug von nicht registrierten weiblichen Häftlingen diese Anzahl erhöhen dürfte. Die ersten Frauen, die nach Mauthausen kamen, wurden zur Hinrichtung dorthin gebracht. Am 20. April 1942, Adolf Hitlers Geburtstag, wurden vier jugoslawische Partisaninnen am Erschießungsplatz gegenüber Baracke 20 getötet. Sechs Monate darauf wurden am 24. Oktober 1942 133 tschechische Widerstandskämpferinnen exekutiert, die in Zusammenhang mit dem Attentat auf Reinhard Heydrich festgenommen worden waren. Am 26. Januar 1943 sind 15 Tschechinnen vergast worden, sowie weitere sechs tschechische Frauen am 27. September 1944. Im Jahr 1945 wurden mindestens 30 Frauen in der Gaskammer von Mauthausen ermordet. Diese hingerichteten Frauen sind lediglich im Mauthausener Totenbuch angeführt, eine Häftlingsnummer erhielten die meisten von ihnen nicht. Die ersten Frauen, für die ein längerer Aufenthalt in Mauthausen vorgesehen war, waren jene, die als Sexzwangsarbeiterinnen in den Häftlingsbordellen von Mauthausen und Gusen eingesetzt wurden. Die ersten von ihnen wurden im Juni 1942 aus Ravensbrück nach Mauthausen überstellt. Ein eigenes Zugangsbuch mit eigener Nummernserie für Frauen und somit Frauen im Lagerkomplex des KZ Mauthausen, gab es erst ab dem 15. September 1944, da zu diesem Zeitpunkt größere Frauentransporte in die Außenlager Hirtenberg und Lenzing kamen.2

Die Einrichtung eines sogenannten Frauenkonzentrationslagers in Hauptlager Mauthausen stand also im Zusammenhang mit den Entwicklungen der letzten Kriegsjahre. Aufgrund des steigenden Arbeitskräftebedarfs wurden nun auch Frauen nach ihrer Arbeitsfähigkeit selektiert und in größerem Umfang zur Zwangsarbeit in Außenlagern mit Nähe zur Kriegswirtschaft eingesetzt. Frauen waren in allen Typen von Außenlagern inhaftiert und in nahezu allen unterscheidbaren Arbeitsbereichen tätig, auch wenn Einsatzdauer und Zahl der weiblichen Häftlinge im Vergleich zu den männlichen geringer blieben.3

Die SS errichtete ab 1944 im gesamten Reichsgebiet immer mehr KZ-Außenlager nur für Frauen, darunter auch im Zuständigkeitsbereich des KZ Mauthausen. In diesem Zusammenhang entstanden zwei größere Außenlager für weibliche Häftlinge. Eines in Hirtenberg, wo Ende September 1944 rund 400 Frauen aus dem KZ Auschwitz eintrafen, um in der Munitionsfabrik der „Wilhelm-Gustloff-Werke“ Zwangsarbeit zu leisten und das zweite in Lenzing, wo Anfang November 1944 rund 500 weibliche Häftlinge ebenfalls aus dem KZ Auschwitz zur Arbeit in der Kunstfaserproduktion der „Lenzing Zellwolle AG“ gezwungen wurden.4

Von da an stieg die Anzahl der weiblichen Häftlinge in Mauthausen kontinuierlich an. Diente Mauthausen zuvor für weibliche Häftlinge nur als Überstellungs- oder Exekutionslager, so wurden ab Herbst 1944 Frauen gezielt nach oder über Mauthausen deportiert. Das hat aber auch damit zu tun, dass die SS begann, die großen Lager im Osten sowie die östlichen Nebenlager von Ravensbrück zu “evakuieren”, da die sowjetischen und amerikanischen Truppen schnell voranrückten. Somit kamen größere Transporte mit weiblichen Häftlingen in Mauthausen an. Dabei waren es vor allem Frauen, die noch als arbeitsfähig im Sinne der deutschen Kriegswirtschaft galten. Alte und kranke weibliche Häftlinge, die als arbeitsunfähig eingestuft wurden, wurden größtenteils noch in Auschwitz oder auf den Todesmärschen ermordet. Mit Ausnahme der Sexzwangsarbeiterinnen beschränkt sich somit die Geschichte der weiblichen Häftlinge im Stammlager Mauthausen größtenteils auf die letzten Monate vor Kriegsende.5

Weibliche Überlebende versammeln sich vor einer Baracke im gerade befreiten Außenlager Lenzing.
United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Arnold E. Samuelson, 62767.

Die Befreiung des KZ Mauthausen

Am 5. Mai 1945 erreichten US-amerikanische Truppen das Konzentrationslager Mauthausen sowie dessen Außenlager Gusen. Befreit wurden dabei über 17.000 männliche und mindestens 2.500 weibliche Häftlinge im Stammlager. Dort bot sich den amerikanischen Befreiern ein Bild des Schreckens. Über hunderte Leichen von Menschen wurden gefunden und machten das Verbrechen der Nationalsozialisten sichtbar. Dazu kam noch die katastrophale körperliche und gesundheitliche Verfassung der Häftlinge sowie die generell schrecklichen Lagerbedingungen und Zustände, auf die die amerikanischen Befreier nicht vorbereitet waren.6 Trotz der Bemühungen seitens der Amerikaner, medizinische Versorgung und Nahrungsmittel für die ehemaligen Häftlinge bereitzustellen, starben in den Wochen nach der Befreiung noch Tausende an den Folgen der Haft im KZ Mauthausen.7

Was die weiblichen Häftlinge anging, so erlebten bereits am 22. April 756 Frauen die Befreiung aus Mauthausen, indem sie an das Rote Kreuz übergeben wurden. Für die restlichen Frauen sollte die Gefangenschaft in Mauthausen noch rund zwei Wochen andauern, vorausgesetzt sie überlebten. Viele waren in einem katastrophalen körperlichen Zustand und wurden ermordet, sodass sie die Befreiung nicht mehr erlebten.8

Den Tag der Befreiung aus der KZ-Gefangenschaft nahm jede Frau anders wahr. Die Wahrnehmungen hingen stark von individuellen Erfahrungen, dem körperlichen Zustand, der Rolle im Lager und den Umständen nach der Befreiung ab. In späteren Erinnerungen beschrieben Frauen den Tag der Befreiung teils sehr nüchtern, teils als Wendepunkt ihres Lebens. Manche betonten Dankbarkeit gegenüber den Befreiern, andere erinnerten sich vor allem an das Chaos, die Krankheiten und das Sterben in den Tagen danach.9

Wahrnehmungen des Tages der Befreiung durch weibliche Häftlinge

„Sie besetzten das Konzentrationslager und alles. Auf alle Fälle – sie kamen in die Mitte des Lagers, die – amerikanischen Soldaten. Und – es herrschte Freude, und man rief und alles. Und sie guckten uns an wie – [langsam und traurig] wie widerwärtige Tiere. Das hat sehr – betroffen weil, wir sahen uns nicht […]“ 10

Dieser kurze Zeitzeugenbericht von Zipora Nir macht klar, dass die Befreiung keineswegs ein eindeutiger Moment der bloßen Freude und Hoffnung war, sondern vielmehr einer des Realisierens und Schockes über das Geschehene. So wurde der eigene Zustand erst durch die Reaktionen der amerikanischen Soldaten vollends bewusst, wodurch die traumatischen Folgen der Lagerhaft selbst im Moment der Rettung weiterwirkten. Dennoch konnte die Freude über die Befreiung auch die anfängliche Angst und Unsicherheit überwiegen, wie es Lala Lubelska schilderte;

„Und tatsächlich, am 5. Mai um zwei [betont] Uhr Nachmittag sind Amerikaner angekommen. Wir hatten Angst, hinauszugehen, wir schafften es nicht, hinauszugehen! […] Wir sind hinausgegangen und haben diese Amerikaner gesehen, aber das war ein komisches Gefühl, als wir den Soldaten gesehen haben: Wir waren seit sechs Jahren, seit fast sechs Jahren daran gewohnt, mit [Menschen in, Ergänz. d. Übers.] Uniformen zu leben, sogar die Amerikaner mit ihren Uniformen machten uns da Angst! Aber das Schöne daran war, dass sie [betont] es waren, die Angst vor uns hatten, weil wir sie zu Boden rissen, besonders die Männer. Vor lauter Küssen und Umarmen usw. rissen wir sie zu Boden, vor Freude, vor Glück. Und eine meiner Schwester hat/. als sie gehört hat, dass wir befreit worden sind, einen Kollaps erlitten. Sie hat zu schreien begonnen, wir haben ihr direkt ein paar Dings, ein paar Ohrfeigen, ein paar Watschen geben müssen, damit sie wieder zu sich kommt.“ 11

Die anfängliche Angst und Handlungsfähigkeit wandelte sich in diesem Fall in Freude und Erleichterung um. Zugleich wird aber auch die emotionale und psychische Überforderung im Befreiungsmoment im Zusammenbruch der Schwester sichtbar. Andere Frauen wiederum schilderten den Moment der Befreiung als chaotischen Moment, indem niemand wusste, was eigentlich passierte, so beschrieb Vera Bobrovskaja es folgendermaßen;

„Als wir zur Arbeit getrieben worden sind, ja/. Und, ähem – wir hören ein Geschrei. Ja. Und das Geschrei, das wir gehört haben/. Wir hören, die Männer schreien – oben. Ja. Wir verstehen nicht, was da los ist. Das Feuer ist eingestellt worden, eine Fahne nach der anderen wird herausgeworfen, Geschrei, Lärm … Irgendwann heißt es, die Amerikaner sind gekommen, die Amerikaner befreien uns und so weiter. Dann hat sich schon keiner mehr ausgekannt – da wird geschrien und gelärmt und alles Mögliche.“12

Einige Frauen konnten, wie schon erwähnt, das Lager bereits einige Wochen früher verlassen, durch einen vom Roten Kreuz organisierten Sondertransport in die Schweiz, darunter Clementina Ulrix, die ihre quasi Befreiung folgendermaßen schilderte und die Angst bis zur letzten Minute der Rettungsaktion beschreibt;

„Und – dann wurden wir am 22. April befreit, dann kam das Rote Kreuz. Und da kam ein Deutscher/ die SS-Leute waren ja sonst alle davongelaufen. Alle weg. [laut] Stattdessen kamen normale deutsche Soldaten, ältere Soldaten. Und die sagten uns, hör doch auf zum Arbeiten, morgen geht ihr nach Hause, das Rote Kreuz ist bereits hier. Ja, das konnten wir nicht glauben, ich sage, ich würde ihnen gerne glauben, sagte ich dem einen Deutschen. Denn wir hörte den Kanonendonner, auf der einen Seite die Russen, auf der anderen Seite die Alliierten. Immerhin waren wir äh ziemlich weit weg von Berlin, also so schlimm war es nicht. Und dann, ja. Ja, sie sind da, macht euch keine Sorgen, morgen geht ihr nach Hause. Und ich dachte mir, dass kann unmöglich stimmen. […] Und dann, dann sahen wir die Kolonne, zweiunddreißig Autos vom Roten Kreuz die den Berg hinauffuhren und wieder hinunter, zu uns. Und keine Reaktion. Es war eine resignierte Stimmung. Man dachte sofort an die tausenden von Toten die man gesehen hatte. Das war mein erster Gedanke: die kommen nie wieder zurück. Vielleicht haben wir uns dennoch gefreut, aber wir hatten nicht die Kraft dazu. [betont] – Wir hatten nicht die Kraft dazu, niemand war außer sich vor Freude. Vielleicht weil wir zu schwach waren, oder vielleicht weil jeder Tag dem nächsten zu ähnlich war. Und ich denke, dass es eine große Rolle gespielt hat – denn, wir waren immerhin schon zuversichtlich, dass uns nichts mehr geschehen würde. – Aber da kamen doch Zweifel, denn drei Konvois mit zweiunddreißig Autos konnten nicht hinter einander fahren, denn die Deutschen zogen sich gerade zurück, das ging nicht. Wir sind mit drei Konvois losgefahren, wir waren im mittleren Konvoi, und die Fahrer wurden angewiesen, ja das Rote Kreuz hatte ausgemacht die Schweizer Grenze gemeinsam zu überqueren, bei der Grenze zu äh äh warten. Und dann kam der erste Bus, und der zweite Bus, aber der dritte kam nicht. Denn haben wir Angst gehabt. Das fanden wir /. Es wurde herumtelefoniert und es stellte sich heraus, dass das Konvoi unterwegs von den Deutschen angehalten wurde. Und dann haben sie, jetzt weiß ich den Namen nicht mehr, mit wem sie in Berlin telefoniert haben. Vom Roten Kreuz also. Aber immerhin sind die dann später angekommen. Erst dann haben wir uns richtig gefreut. Dann haben wir uns gefreut, und sind dann gemeinsam über die Grenze gegangen.“ 13

Hier wird eindrücklich, dass selbst konkrete Anzeichen der bevorstehenden Rettung zunächst nicht wahrgenommen werden konnten, aufgrund von emotionaler und körperlicher Erschöpfung sowie Misstrauen. Die Zeitzeugin sowie Mitbefreiten reagierten resigniert auf die Ankunft des Roten Kreuzes und nicht wie man vielleicht erwarten würde freudig oder glücklich. Erst die tatsächliche, vollständig vollzogene Rettung, durch das Wiedervereinen der Konvois und das Überschreiten der Grenze, ermöglicht eine verzögerte, vorsichtige emotionale Reaktion und markiert den Übergang von bloßer Überlebensgewissheit zu tatsächlicher Befreiung. Der erste Gedanke von Clementina Ulrix an die vielen Toten, die nicht mehr zurückkehren würden, verdeutlicht ebenfalls, dass erst im Moment der Befreiung einem der Verlust sowie das traumatische Erlebte bewusstwurde und so nicht mehr länger verdrängt werden konnte. Dies zeigt auch die Erinnerung von Lisa Scheuer über die Befreiung aus dem KZ Mauthausen, die sie in ihrem Buch niederschrieb;

„Eines Tages zog die Wachmannschaft, zogen die Gestapomänner, die schwarzgekleideten SS-Leute und alle uniformierten Weiber ab, und auf einem der höchsten Türme des Festungsbaues des Konzentrationslagers Mauthausen wurde eine weiße Fahne gehißt. Daß ich das und diesen Augenblick erleben konnte! Ich dachte immer, und habe es mir auch tausendmal vorgestellt, daß dieser Augenblick irgendwie besonders aufregend, ja erschütternd und vor allem beglückend sein würde. Nichts von alledem fühlte ich. Kein Glück, keine Aufregung, nur eine trostlose Leere und eine fürchterliche Angst, die Angst vor dem Nachhausekommen und die Angst vor der Frage, wen ich antreffen würde und auf wen ich vergeblich warten müßte, beschäftigte mich in dieser Stunde. Bisher hatte ich immer hoffen können, ich hatte mich so an die Hoffnung geklammert; aber jetzt würde die nackte Wahrheit und die Gewißheit bewältigt werden müssen. Angst kroch mir bis in die Tiefe der Seele.“14

Die Befreiung wurde hier nicht wie erwartet als emotionaler Höhepunkt erlebt, sondern hinterließ vielmehr eine Leere und Angst vor der Rückkehr in die Realität, die von Verlusten geprägt sein würde. Der Moment der Befreiung markiert hier weniger das Ende eines langen Leidensweges, sondern vielmehr den Beginn einer existentiellen Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit sowie der ungewissen Zukunft.

Für viele weibliche Häftlinge stellte der Moment der Befreiung kein freudiger emotionaler Wendepunkt im Leben dar, sondern vielmehr ein Moment der Gleichgültigkeit bzw. Gefühllosigkeit, der innere Leere auslöste. So schilderte Eva Selucká folgendes;

„Na und eines Abends kam plötzlich jemand und sagte [mit ruhiger Stimme]: „Mädchen, auf dem Turm ist eine weiße Fahne zu sehen“. Also man konnte auf den Turm hinauf sehen aus dem „Wiener Graben“ und tatsächlich wehte dort die Fahne, so dass ich mir gesagt habe [sehr resigniert]: „Na, es ist also vorbei“ und [betont] ich weiß, dass mir wirklich bewusst war, dass ich nichts fühle und dass ich unfähig bin irgendetwas zu fühlen und so warf ich mich wieder auf das Stroh und lag, na und dann später am Abend, als es dunkel war, kamen plötzlich irgendwelche Amerikaner […].“ 15

Dabei wird eindrücklich klar, dass selbst das Ende der Gewalt keine unmittelbare emotionale Reaktion hervorrufen konnte, da physische und psychische Erschöpfung, innere Leere, andere Sorgen, sowie fortwirkende traumatische Erlebnisse und Belastungen das Erleben der Befreiung bestimmten.

Die Befreiung bildete dabei keinen Endpunkt, sondern einen Übergang in eine Phase der Ungewissheit und Angst vor Verlusten. In manchen Zeitzeugenberichten wird klar, dass Befreiung neben dem eigenen Leid und der körperlichen Verfassung auch als administrativer bzw. organisatorischer Prozess wahrgenommen wurde. So reagierte Agnes Frank de Klein auf die Frage, ob sie sich an die Befreiung erinnern könnte, folgendermaßen;

„Und wir sind alle ganz träge auf dem Boden, wir konnten nicht einmal aufstehen in dem Zustand, in dem wir waren, aber wir bemerkten, dass die Soldaten kamen, dass sie kamen und dass sie die, die uns bewachten, auf den Lastwagen brachten, sie trieben sie zusammen und sie brachten sie auf einen Lastwagen und sie spuckten sie an, sie machten alles mögliche mit ihnen, ich weiß nicht, wohin sie sie brachten. Und uns sagten sie, gut, dass wir frei sind, aber gut, was konnten wir mit der Freiheit machen, wenn wir nicht einmal vom Boden aufstehen konnten? Sie hoben uns auf. Gut. Zuerst besprühten sie uns mit DDT für die Läuse. Sie ließen uns, nackt ließen sie uns, vollständig. Mein Körper war, er ähnelte einer Schlangenhaut, vollständig wegen der Stiche der Läuse. Ich war voller Wunden, weil ich Typhus hatte. Sie ließen uns alles wegwerfen, alles, alles, was wir anhatten, diesen Müll, sie warfen alles weg, sie verbrannten alles, sie brachten uns in die Kasernen, schon desinfiziert, und dort, dort gab es schon ein Bett, ein Bett gab es.“16

Auf die Frage ob sie Kraft gehabt hätte, irgendeine Freude zu spüren, antwortete sie;

„Klar, klar. Wir weinten, weinten. Aber klar, meine Mama starb. Sie starb fünf Tage vorher. Und klar, stellen Sie sich vor, dass wir froh waren, aber wir waren uns noch nicht, nicht, wie kann man das sagen? Wir waren uns nicht bewusst, was passierte. Klar, wir waren sehr froh, weil diese Leute, ich sage Ihnen schon dass, alles, wir hatten diesen Mist, den wir anhatten und ich hatte einen Mantel. Einen Mantel, von dem ich nicht weiß, woher ich ihn hatte, voller Läuse, alles. Und darunter war ich nackt. Wir brachten alle, sie ließen uns alles wegwerfen, sie brachten uns in, wie heißt das? wo das DDT und sie gaben uns nicht gleich etwas zu essen, weil, stellen Sie sich vor, wenn man Ihnen gleich etwas zu essen gibt, gehen Sie auch auf die andere Seite. Und gut, und scheinbar warfen sie uns schon die Deutschen aus der Kaserne da und die Betten waren schon gemacht, alles, sie brachten uns in Bäder, sie gaben uns ein Nachthemd und fingen mit den Medikamenten an und langsam, etwas ganz Leichtes, zu essen, sozusagen zum Reanimieren.“17

Die Aussage zur Frage der Freude zeigt, wie ambivalent die Wahrnehmungen im Moment der Befreiung gewesen sein müssen. Es wurde zwar von Weinen und Erleichterung gesprochen, doch gleichzeitig wurde an den Tod der Mutter wenige Tage zuvor gedacht, was jegliche Euphorie relativierte. Dazu kommen noch Schock und Traumatisierung, was ein Bewusstwerden der Situation einschränkt. Die Befreiung erscheint in diesem Bericht als langsamer Prozess der physischen Stabilisierung und psychischen Verarbeitung, nicht als plötzlicher Umschlag in Freude und Glück, sondern vielmehr eine vorsichtige, medizinisch begleitete Rückkehr ins Leben.

Überlebende aus Mauthausen; Lala Lubelska, Vera Bobrovskaja und Agnes Frank de Klein.
Sammlungen der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, MM 5.2.512.c, MM 5.2.484.a, MM 5.2.751.b.

Conclusio

Die Zeitzeugenberichte der weiblichen Überlebenden aus Mauthausen zeichnen insgesamt ein vielschichtiges und ambivalentes Bild der Befreiung des Konzentrationslagers. Nur selten wurde dieser Moment als freudiger Höhepunkt beschrieben, sondern vielmehr als Moment, in dem körperliche Schwäche, psychische Erschöpfung, Angst, Schock, innere Leere, Unsicherheit, Sorge und Trauer dominierten. Existentielle Fragen und Sorgen, wie das Überleben von Angehörigen, einem Selbst und die Zukunft überwiegten. Die Konfrontation mit dem Erlebten, das Bewusstsein über die vielen Toten und die Ungewissheit über das Schicksal der Angehörigen relativierten die Freude über die Befreiung. Selbst die ersten Rettungsmaßnahmen, darunter Nahrung, medizinische Versorgung und Desinfektion, wurden dabei ambivalent wahrgenommen, da sie einerseits Rettung und Überleben bedeuteten, andererseits den geschwächten Körper überforderten und für viele Menschen den Tod bedeuten konnten. Dennoch zeigen die Berichte auch Momente der Hoffnung, Freude, Menschlichkeit und des neuen Lebenswillens auf. Insgesamt wird deutlich, dass die Befreiung in den ausgewählten Zeitzeugenberichten nicht als klarer freudig emotionaler Wendepunkt wahrgenommen werden kann, sondern viel mehr einen komplexen Übergangsprozess, zwischen Überleben, Hoffnung, Trauer, körperlicher Regeneration und vorsichtiger Zukunftsorientierung, darstellt.


  1. Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr, Der lange Weg. Weibliche Häftlinge im KZ-System Mauthausen. In: Alexander Prenninger/Regina Fritz/Gerhard Botz/Melanie Dejnega (Hg.), Deportiert nach Mauthausen (Wien/Köln/Weimar 2021), 457. ↩︎
  2. Ebd. 457–490. ↩︎
  3. Magdalena Fröhlich, Die weiblichen Häftlinge im Konzentrationslagerkomplex Mauthausen (Wien 2016), 47-51. ↩︎
  4. Mauthausen Memorial KZ Gedenkstätte, Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945. Weibliche Häftlinge, online unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945/Weibliche-Haeftlingelagern (11.02.2026). ↩︎
  5. Andreas Baumgartner, Die vergessenen Frauen von Mauthausen. Die weiblichen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen und ihre Geschichte (Wien 1997), 82, 139, 191. ↩︎
  6. Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. 1945 bis zur Gegenwart (Innsbruck/Wien 2006), 33. ↩︎
  7. Verein für Gedenken und Geschichtsforschung in Österreichischen KZ-Gedenkstätten, Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945, 259. ↩︎
  8. Baumgartner, Die vergessenen Frauen von Mauthausen, 189. ↩︎
  9. Siehe dazu Interviews aus dem Mauthausen Survivors Documentation Project von Mauthausen Memorial. ↩︎
  10. Zipora Nir, MM 5_2_709 ↩︎
  11. Lala Lubelska, OH_ZP1_512 ↩︎
  12. Vera Bobrovskaja, MM 5_2_484 ↩︎
  13. Clementina Ulrix, MM_5_2_544 ↩︎
  14. Lisa Scheuer, Vom Tode, der nicht stattfand. Theresienstadt, Auschwitz, Freiburg, Mauthausen. Eine Frau überlebt (Hamburg 1983), 101. ↩︎
  15. Eva Selucká, MM_5_2_817 ↩︎
  16. Agnes Frank de Klein, MM 5_2_751 ↩︎
  17. Ebd. ↩︎

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